Linard Bardill´s Inhalte: Aktuelles - Artikel - Interviews - Wichtige Dokumente - Newsletter
 

„Sterne, Blumen und Kinder“

am September 8, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Dante Alighieri sagte einmal sehr treffend…
„Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Sterne, Blumen und Kinder.“

Von Sternenstaub , Blumen und vielem mehr hast du heute Nachmittag gesungen, viele Kinderaugen zum Glänzen gebracht und allen kleine Traumausflüge in die paradiesische Kinderphantasie geschenkt. Der Anlass heute ist rundum gut gelungen und hat uns alle bereichert. Danke!

 

Liebe Eleonora,

Zum ersten mal in meiner Heimatstadt im Spital zu spielen, ein grosses Erlebenis! Und wie wir es getroffen haben. Fast nur ganz kleine Kinder, Poppi, wie wir sagen, Buschi auf Baseldeutsch und im Wallis sagen sie Mämmi!
So etwas ist völlig neu für mich. Als du mir das im Voraus sagtest, überlegte ich mir, welche Lieder denn da gehen würden … Doch an den Bettchen war das überhaupt keine Frage mehr.
Sunnestrahl, Mama Pappa oh i wett, i han uf minem Brunne es Zauberliechtli gfunde. Es sind alles die ruhigen, barocken Lieder. Ohne durchgeschlagenen Rhythmus, ganz auf die Melodie fokussiert. Die Gitarre wie ein Glockenspiel. Doch dann gab es durchaus Kinder, die mittaten, auf den Armen ihrer Mütter auf und abwippten und mit den Armen ruderten. Diese kleinen  Wesen, manchmal in einer anderen Welt, manchmal ganz da, die Augen weit geöffnet, die Arme, die tanzen. Ich bin verzaubert und manchmal etwas bedrückt, wenn die Kleinen allein sind und ins Unendliche blicken. Wie unglaublich wichtig ist die Mutter, der Kontakt, die Beziehung. Wie wichtig die Schwestern der Pflege, die die Kinder kurz aufnehmen, mit ihnen sprechen, sie drücken oder streicheln.
Ich bin fast etwas benommen nach den 2 Stunden. Da kommen wir in das Zimmer, wo der Achtjährige mit seiner Mutter sitzt. Ich singe von Wilhelm Tell und der sich befreite, indem er das Boot aus dem Sturm ans Ufer manövrierte und es dann zurück in den See stiess. Der Junge strahlt! Ja, die Cd will er haben! Er will die Krankheit auch besiegen, wie Tell den Gessler. Das sagt er zwar nicht, aber ich spüre es. Öppemol gsehn i min Engel nümme … “Das Lied war jetzt für mich”, sagt die Mutter und wischt sich eine Träne ab.
Zum Schluss “überfallen” wir die Fortbildungsgruppe, die über onkologische Pflege instruiert wird. Ich singe das Lied von Waldermar, der vielleicht kommt mit seinen Schafen und dem Hund, mit dem Esel und dem Mond, der aufgeht über den dunklen Hügeln. Bei allem Kampf gegen die Krankheit, dürfen wir wohl auch nicht vergessen, dass es Kinder gibt, die weiter gehen, hinüber in ein anderes Haus zu einem anderen Vater und einer anderen Mutter.
Ich erzähle von der neuen Cd, die wir am Montag aufnehmen “Mis Zauberbett heisst Bernadett”, alles Lieder, die im Verlauf der Spitalbesuche entstanden sind. Einige konnte ich heute schon ausprobieren. Die kleinen Poppis waren mein erstes Publikum, und du warst gross, Eleonora, ganz still und doch präsent. Schöner hätte ich es mir nicht wünschen oder vorstellen können. Danke!

Gruss Linard



Spitalbesuch Anfangs Juni

am Juni 7, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Liebe Alexandra,

Gestern war es wieder unglaublich dicht und intensiv. Die Idee in die Wartezone zu gehen und die Kinder, die vielleicht noch nie im Spital waren und nun auf eine Untersuchung warteten einen Moment für etwas anderes zu holen, fand ich super! Da war das Mädchen, dass am Tischchen sass und malte. Es schien gar nicht zuzuhören, war ganz versunken in ihre Tätigkeit. Und am Schluss steckte sie mir ihre Zeichnung mit einem Maienkäfer zu: „Das habe ich für dich gemalt!“,

Auf den Zimmern der Chirurgie war die ca. 15 jährige I. noch da mit ihren schweren Verbrennungen. Sie sagte, nächstes Wochenende dürfe sie nach Hause. Zwei Monate war sie jetzt da und freute sich sehr. ihr Gesicht schaute aus den Kompressionsverbänden heraus. Eine junge Frau, voller Leben und Erwartung. Ich sang ihr das Lied vom Regenbogen. Die Arbeit läuft nicht davon, aber der Regenbogen wartet nicht bis die Arbeit getan ist.

Ich weiss meistens nicht, was ich singen soll. Erst, wenn ich im Zimmer stehe, fällt mir ein Lied ein, und dann das nächste.

Es gibt Kinder die einfach nur da liegen oder sogar schlafen. Andere klatschen mit.

„Nein, lieber nicht!“, sagte eine Mutter auf die Frage, ob wir kommen sollen, „sie hat heute nicht ihren besten Tag …“ Doch das Kind, ein 10 jähriges Mädchen rief: “Nein! Ich will!“ Wir traten ein. Und das Zimmer schien sich ganz schnell von einer bedrückten Höhle zu einem lichten Zelt zu verwandeln Was haben wir gelacht und gefeixt. Frösche imitiert und einen Esel geritten.  Ich stelle mir vor, wie es war, als wir selbst eine Woche im Spital waren mit unserem kleinen Buddha. Irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf. Und das überträgt sich aufs Kind. Doch es braucht nur wenig, und schon kippt die Situation. Plötzlich scheint alles gut zu werden.

Da taucht M. der Chef Chirurgie auf. Ein alter Freund und Witzbold. Er singt sofort mit,: „d’Frau Summer kunnt mit Fahne, und rägeschwärem Gwand, zücht singend ihri Bahne dur ds’sunnewiiti Land.“ Martin, du bist engagiert. Schliesslich ist er an meinem Engagement nicht ganz unschuldig. Clemens, sein Kollege, der die Abteilung Verbrennungen leitet, bringt ein Buch über die Station, das er und seine MitarbeiterInnen gemacht hat. Wir tauschen. Er bekommt die Cd mit dem Lied „uf und furt“ und mir schreibt er eine Widmung ins Buch: Bücher sind dicke Briefe an Freunde. Dankeschön!

Es ist so wichtig, wie die Pflegenden auf unsere Besuche reagieren. Wenn sie ihn gut finden, klappt alles gleich lhell und wunderbar. Spürt man Distanz, oder kommt sich als Fremder vor, ist es etwas schwieriger.

Eine Begegnung bleibt mir bestimmt noch lange. Es ist der Blick und das Gesicht, das Lachen, die überschäumende Freude eines mehrfach behinderten Jungen, der nur liegen kann, mit angezogenen Beinen und Armen. Ich habe für in den Tiger auf der Strasse gesungen. Er gurgelte und quietschte vor Freude. Kein Kind hat so viel Präsenz und Leuchten, so viel Herzkraft, die er mir zurückstrahlt. Wie ein kleines Kraftwerk, das ununterbrochen pulsiert.
Ich war müde als ich nach 3 Stunden das Spital verliess. Müde und aufgeladen. Gibt es das?



Besuch im Kinderspital

am Mai 10, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Liebe Alexandra,

Gestern war es so ganz anders als vor einem Monat. Nicht einfach zu sagen, was. Es ging alles etwas langsamer und etwas schwerer zu und her.

Als wir in der Onkologie ankamen, fuhr uns der kleine Junge auf dem Plastiklastwagen entgegen, hinter sich die Pflegerin mit dem Ständer und den vielen Schläuchen. Als ich anfing zu spielen, klatschte er in die Hände. Vor allem das Lied von Martins Esel tat es ihm an, und er bewegte die Arme, wie ein reifer älterer Herr, der seinen Spass damit ausdrückt, dass er die Arme in die Seite stemmt. Der Schalk und das Schütteln des Kopfes, wie ein kleiner Weiser, hat mich etwas aus dem Konzept gebracht. Was für eine Leichtigkeit bei einem Kind, das es bestimmt nicht leicht hat. Ein Schmetterling, oder sagen wir bei ihm würde das Bild des Maikäfers eher zutreffen. Brrrrrrr. Und schon geht die Fahrt mit dem Lastwagen weiter. Eine Mutter, oder ist es eine Grossmutter? Sie steht die ganze Zeit da mit einem Mädchen, das einen Kopfverband träg, tanzt zum Quaquauqa der Frösche. Wie viel Kraft sie dem Mädchen überträgt, wie viel gute Lebensenergie.

Iris, die uns begleitet und einige Zeit in Istambul gelebt hat, spricht mit der Frau türkisch, was diese sehr freut.

Als wir ins nächste Zimmer kommen, werde ich fast erdrückt von der Schwere. Das Kind, ein kleiner Junge, genau so wie seine Mutter, tief gedrückt und schwer, stumm, das Gesicht versteinert. Ich versuche die Stimmung mit dem Lied von der Sonne und den Strahlen, die sie uns schickt aufzuhellen. Es gelingt mir kaum. Da ist diese unendliche Schwere, Trauer, Resignation. Kind und Mutter scheinen darin eingesponnen wie in einem Cocon. Ich bleibe und singe, drei lange Lieder lang, bis ich ein Lächeln sehen kann. Zuerst bei der Mutter. Dann beim Kind. Im selben Zimmer ein Junge aus Marokko, schwach aber hellwach, schaut er immer wieder seine Mutter an, als ob er von ihr wissen möchte, ob er sich auf die Lieder einlassen, ob er sich freuen darf. Die Mutter scheint zu nicken, kaum wahrnehmbar. Dann schenkt er mir einen Blick, der Freude, Zustimmung, ja so etwas wie Komplizenschaft ausdrücken.

Ach, die Mütter, wie wichtig sie mir erscheinen. Jedes Mal mehr. Wie sehr sie mit ihren Kindern verbunden sind. Als ob ein Teil der Kinder noch in ihnen wäre und sie mit den Kindern gemeinsam gesund werden müssten. Ich spüre, wie wenig sie mit dem Kopf steuern können, und wie dankbar sie für einen hellen Augenblick sind.

Zum Ende das Mädchen auf der Notfallstation, das zur Untersuchung da ist. Sie ist etwas verwirrt und abwesend. Ich denke an meinen kleinen Buddha, den Sohn mit dem Downsyndrom. Das Mädchen hat auch eine Behinderung, ist 12, am Anfang der Pubertät. Sie mag die Lieder. Sie wird immer präsenter, wiegt sich im Takt. Die geschenkte Cd freut sie und als ich gehe legt sie ihre Pingu – Cd in de Player. Jawohl, so geht das!



Mail von Alexandra Lutz nach dem 2. Besuch im Kispi in Zürich

am April 12, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Lieber Linard

Ich weiss nicht wie es dir ergangen ist aber ich bin immer noch sprachlos, wie viele Schicksale uns gestern begegnet sind. Es gibt Tage an denen es mich nicht so berührt aber gestern war einer, der mir ganz schön unter die Haut gegangen ist. Ich versuche immer, wenn du singst die Eltern der betroffenen Kinder zu beobachten. Was es da alles zu sehen gibt, wow.
Du selbst hast ja auch einen solchen Schicksalsschlag erlebt, den du jetzt als ein Geschenk angenommen hast. Ich bin nach solchen Erlebnissen immer sehr dankbar, wenn ich meine zwei grossen Buben sehe, die zwar frech sind aber gesund und gefrässig.

Wie war der Ablauf von gestern für dich? Wir waren 3Stunden unterwegs, du hast keine Pause gemacht. Wollen wir es das nächste Mal ähnlich gestalten oder gibt es deinerseits Veränderungswünsche?

Vielen Dank für den schönen Nachmittag

Alexandra

 

Antwort von Linard:

Liebe Alexandra,

Als ich merkte, dass wir zuerst in der Therapiestation singen würden, da war ich ganz verunsichert. So viele grosse Kinder, die doch gar keine Kinder mehr sind. Aber auch keine Erwachsenen. Ein jedes mit seiner grossen, kleinen Geschichte, mit seinem grossen oder sehr grossen Rucksack. Ich hatte mich gar nicht auf Kinder in der Pubertät vorbereitet. War auf kleinere Kinder eingestimmt.  Dann Ronja, die weinte. Und die Lehrerin, die erklärte, dass das Mädchen hingehe zu ihrem Hund, um sich von ihm zu verabschieden. 12 Jahre sei sie mit ihm zusammen gewesen und nun der schwere Gang … Da wusste ich, dass ich übers Sterben und übers Geborenwerden singen und erzählen wollte. Vom Rucksack, den jeder einmal packen muss, um weiter zu ziehen, wie die Vögel im Herbst. Und das Mädchen, das ganz verhärtet schien, als ich fragte, wer denn an ein Sein nach dem Tode glaube. Und die dann langsam aufmachte, von Lied zu Lied. Vor allem als ich vom kleinen Buddha, unserem Kind mit Downsyndrom erzählte. Ja, mit der Zeit haben alle Kinder auf gemacht. Sogar mit gesungen. Bi üs gohts immer je länger je schlimmer. Das gefiel ihnen. Denn in dem Lied wird der Zwang, dass es doch um Gottes Willen gut gehen muss, einfach weggepustet. Ich selbst war nach kurzer Zeit ganz gelöst und als der Junge links mit dem wachen Blcik meinte: “Bitte singend si no eis, ich lose so gern zue”, wusst ich, dass alles gut ist. Auch wenn es vielleicht für jedes einzelne der Kinder noch lange viel Schweres gibt und der Rucksack wegen ein paar Lieder nicht einfach weg ist. Wen ich während der ganzen Darbietung sehr eindrücklich erlebte, waren die Lehrer und Betreuer der Therapiestation. Sie waren ein Teil des Publikums, liessen sich ganz ein und sangen als erste die “Weltereis mit Geiss” lauthals mit, was die Kinder dann wieder aufmachte und sie mittun liess.

Auf den Stationen war es für mich wie das Eintauchen in verschiedene Universen. Jedes Zimmer war eine Galaxie ein Sonnensystem, ein einzelnder Planet. Und ich fühlte mich als Astronaut, der da eingelassen wird und Teil hat an einer Geschichte, an Gefühlen, an Zeit, an Schicksal, an Hoffen und Verzweifeln, an Langeweile und Resignation, Stillstand und Aufbruch.
Das kleine winzig kleine Männlein, das als Frühgeburt wie noch nicht reif für diese erde schien. Aber im Schoss der Pflegerin immer grössere Augen und Hände machte, immer mehr auf die Musik reagierte und am Schluss zwei drei Töne mittat. Es war Herz bewegend. Das Mädchen, das mit schweren Verbrennungen da lag, umgeben von der ganzen Familie. “Willst du wirklich, dass ich singe?”  “em Mammi z’lieb”, antwortet die 14 jährige junge Frau. Kinderlieder sind wohl nicht mehr so ihres. Ich sang ihr “i am riding on a train”, und sie lächelt, so gut sie mit ihrem verbrannten Gesicht lächeln konnte. Ich zeige ihr meine verbrannten Hände mit der transplantierten Haut und erzähle von meiner Zeit in der Verbrennungsstation, als ich mitten in der Nacht ankam und Professor Zellweger mich anschnauzte, dass das aber das erste und letzte Mal sei, da ich ihn mitten in der Nacht aus dem Bett hole. Und wie mir dieser Anschnauzer wieder Mut gemacht hatte. So schlimm konnte es nicht sein, dachte ich damals, sonst würde mich der Doktor sicher nicht anschnauzen. Das Mädchen lächelte noch einmal als ich ihr sagte, heute spiele ich wieder Gitarre und es wird alles gut. Sie spiele Saxofon sagte sie stolz. Musiker unter sich! meinte die Mutter.
Wie viele Begegnungen! ich kann es noch nicht fassen, werde es wohl nie fassen können. Das Kind mit der starken Mutter, das so unendlich schwach und bedürftig dalag. Seine Mutter neben ihm, als ob sie für ihn leben würde. Das Kind das keinen Ton, keine Bewegung nichts von sich gab, doch auf die Frage wie sie hiesse ganz klar ihren Namen aussprach. Das krebskranke Mädchen, das ihren kleinen wild mit Armen und Beinen zappelnden Bruder in die Arme nahm und alle Lieder innig und still in sich aufsog. Leuchtende Augen, wenn wir die Cd verschenkten.
So viel Reichtum an einem Nachmittag kann man bei den Gesunden wohl kaum sammeln.
Ich bin noch immer überwältigt  Gruss Linard