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Kei Wort gega d’Martullo So Kolumne Sep 19

am September 30, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

«Kei Wort gega d’Martullo»

So Kolumne Sept 2019

Linard Bardill*über Waheln und die Demokratie

Als ich am vergangenen Sonntag in der Bahnunterführung meiner 84-jährigen, besten Gotte begegnete, erhob sie sogleich den Zeigefinger und senkte folgende Worte in meine Seele: «Kei Wort gega d’Martullo!» Auch ich erhob meinen Zeigefinger und zeigte auf mich: «Ich? Niemals würde ich gegen Martullo schreiben, ich will ja nicht, dass sie gewählt wird.» Diesen dialektischen Kniff verstand meine Gotte nicht sofort. «Wenn ich etwas gegen Martullo schreibe», ergänzte ich darum, «bedeutet das nur, dass sie mehr Stimmen bekommt!» Meine Gotte lächelte erst verschmitzt, dann etwas sauer. «Mit dier kamme über so Züg nid reda!», meinte sie dann und zog fröhlich von dannen. Ja, das ist Demokratie, sagte ich mir. Alle haben eine Stimme, die Grossen und die Kleinen, die Dicken und die Dünnen, die Gescheiten und die noch Gescheiteren. Und darum gibt es einen gerechten Ausgleich, einen Schnitt, einen Volksquerschnitt.

Ein Beispiel: 42 Prozent der SVP-Wähler kommen aus den unteren Einkommensklassen, das heisst, sie sind eher arm bis sehr arm und dies, obwohl die SVP die Partei für die Millionäre ist. Die SVP hat in der letzten Legislaturperiode Kinderrenten in der AHV/IV um 25 Prozent kürzen wollen. Das stellte besonders Eltern mit Behinderungen vor existenzbedrohende finanzielle Probleme. Die SVP stoppte Krippenfinanzierungen. Sie lehnte die Gleichstellung ab, weil «wir die Unterschiede zwischen Mann und Frau mögen». Schweizer Rentner sollten nicht nur weniger Geld erhalten, sondern auch länger arbeiten. «Der beste Mieterschutz wäre die Abschaffung des Mietrechts», sagen ihre Vertreter in Bern. Zudem bemühten sie sich, möglichst vielen Bezügern die EL zu kürzen oder zu streichen.

Dies alles mit der Lüge, dass sonst die Asylbewerber zu viel Sozialgelder kassieren. Ihre Vertreter drehten die Sache noch ins Absurde und kämpften dafür, dass Schweizer nicht mehr Geld als Asylanten bekommen. Fünf Franken fürs Essen pro Tag müssen reichen. Für Schweizer, bitte sehr! Dafür setzten sie sich für das Recht der Steuerflüchtlinge und die Steuerbefreiung der Konzerne ein. Ihre Nationalhymnen singenden Oligarchen benutzen die EU als Steuerparadies, und sie lügen eine AHV-Pleite herbei.

Um ehrlich zu sein, ihre Bundesgenossen aus der FDP sitzen im gleichen Boot. Nicht so laut, eher etwas «hinne umme», aber ebenso wirksam. Sie haben neulich die Klima-Segel gehisst, zwar sind es nur Pseudo-Segeli, aber Frau Gössi weiss, wie das geht.

Die SVP aber ist fadegrad, und das mag man so an ihr: Sie verleugnet den Klimawandel und holt sich ihre Stimmen von denen, die am meisten unter der Klimaveränderung leiden werden. Denn die SVP weiss, wie die Demokratie funktioniert, oder das, was von ihr übrig ist: treten gegen die Schwächeren, die Sozialbezüger, die bewegten Jugendlichen. Dann noch schnell den Arbeiterschutz aushöhlen und den Arbeitern beibringen, dass es wegen den Asylanten und der EU ist. Das bringt Stimmen.

Ich hoffe natürlich, dass möglichst wenige diese Kolumne lesen. Denn auch sie wird nur dazu beitragen, dass noch mehr die SVP wählen, und last but not least: Sie wird die Lust vermehren, gemeinsam mit Roger Köppel, Greta Thunberg auf den Mond schiessen zu wollen.

Ich liebe meine Gotte, sie hat uns als Kinder endlos Witze erzählt, und das werde ich ihr nie vergessen. Und darum habe ich auch kein Wort gegen Frau Martullo geschrieben.



https://www.bleiche.ch/resort/bleiche-sessions/pippo-pollina-linard-bardill.aspx

am September 11, 2019 — in der Rubrik: Zauberbett



am September 4, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne 2019

Scharanser Zwischenrufe

sperrige Pfarrer

Linard Bardill über Gott und sein Bodenpersonal

Seit Friederich Nietzsche, Sohn aus evangelischem Pfarrhaus, seinen Text vom tollen Menschen geschrieben hat, der am hell lauteren Tage mit einer Lampe Gott suchte und nicht fand und darum in der Kirche das Requiem aeternum deum (Totenmesse für einen ewigen Gott) anstimmte, hat es insbesondere die protestantische Kirche nicht leicht. Die gebildeten, aufgeklärten Zeitgenossen verlassen und meiden die Gotteshäuser in Scharen, die Rechtgläubigen laufen Alternativen nach und die Pfarrherren ringen in Wort und Form um die Moderne, was sich zuweilen als Unterfangen vor leeren Bänken erweist.
«Wer Theologie studiert, verlässt die Universität als Ungläubiger», hatte mir ein frommer alter Mann prophezeit und er hatte auf seine Art Recht. Ich konnte nach dem Studium nicht mehr so glauben, wie vorher. Die Aufklärung, historisch kritische Bibelexegese, die Philosophie hatten ihre Krallen in den alten Glauben geschlagen und von einem neuen hatte ich im Studium kaum erfahren.

Die Kraft des Evangeliums schien mir aus der Institution und dem Theologieseminar herausgeflossen zu sein, wie das Blut eines sterbenden Kömpfers.

Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts um Evolution, Atheismus, Kommunismus und Materialismus war für die Kirche verloren. Die Pfarrer waren in progressive und rechte gespalten, dazwischen eine kleine Fraktion, die Gott in den Menschen verlegten und versuchten, sein Reich in Form von Kampf um eine Ethik der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen.

Die meisten Kirchgänger aber gingen an den Konsum und das Recht auf persönliches Glück verloren.

Nach den Weltkriegen, die man auch als Folge dieser fundamentalen geistigen Umwälzung sehen kann, wurde dieser persuit of happyness (das Recht auf Glück) immer zentraler. Die Sinnleere und die geistige Orientierungslosigkeit wurde mit Gütern gefüllt, Gütern die keinen geistig oder seelischen Wert hatten und keinen Sinn schaffen konnten. Ohne Sinn kann der Mensch nur in der ständigen Betäubung existieren.

Da wäre für die Kirche ein immenses Feld. Doch die Kirche hat sich – wohl seit Luther schon – immer weiter von den Menschen und ihrer eigenen Quelle entfernt. Wie soll ein ungläubiger Pfarrer den Glauben verkünden.? Wie soll eine Institution, die mit dem Staat und dem Reichtum verbandelt ist, die Seite der Armen, der Menschen auf der Flucht, derer ohne Rechte vertreten? Wie soll ein völlig individualisierter Glaube Gemeinschaft hervorbringen?

Es mangelt an allem.

So treibt der Siegeszug einer mechanistischen Aufklärung, die weder Freiheit noch Bestimmung, oder Schicksal kennt, der Verlass auf eine verinstitutionalisierte Fürsorge, die nicht erkannten Übermacht einer sich immer mehr verselbständigenden Technik  und das Vorgaukeln einer Demokratie, die nur noch im Ansatz einer Demokratie entspricht die Menschen immer mehr in die Lethargie, Agonie und Hoffnungslosigkeit.

Es wäre eine gute Zeit für die Kirche. Die Schnitter hätten ein reiches Feld zur Ernte. Warum schweigen sie? Was bräuchten sie? Welcher Messias wird erwartet, der mit ihrem Geschick das Geschick der Menschheit wendet, oder wenigstens, dasjenige ihrer kleinen und grösseren Gemeinden. Wo wird das Reich Gottes sichtbar, von dem Jesus der Nazarener sprach, dass es mitten unter uns sei?

 

 



Wer ist hier eigentlich behindert?

am August 26, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel,Der Kleine Buddha

Im Sonntagsblick eine schöne Seite Platz zum Reflektieren, ob die Behinderten behindert heissen, weil wir sie behindern?

https://www.blick.ch/people-tv/gastkommentar-behindert-id15471090.html



Neues (und Altes) für alle vom Poppin bis zur Nona

am August 19, 2019 — in der Rubrik: Artikel,Gretta Suna La Trombetta



SO – Kolumne Juli 100 Jahre Lia Rumantscha

am Juli 15, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

die Lia Rumantscha hat Geburtstag
100 Jahre genutzte und verpasste Chancen

Scharanser Zwischenrufe

 Cumplir ils ons / Geburtstag

Linard Bardill

über 100 Jahre genutzte und verpasste Chancen

Cumplir ils ons bedeutet auf romanisch: die Jahre voll machen. Die deutsche Sprache geht zurück an den Tag der Geburt, im Romanischen gehen wir an den Tag der Erfüllung, ins Jetzt.
Die Lia Rumantscha erfüllt dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Sie und die Romanen feiern in Zuoz das Leben und Überleben ihrer Sprache.
Feiern ist immer gut. Es bedeutet Begegnung und Bezug. Davon leben wir Menschen, denn die anthropologische Mutation, der wir in der Moderne ausgesetzt sind, führt dahin, dass Begegnung und Bezugnahme immer weniger selbstverständlich sind.
Den Gedanken der Mutation des Menschen hat der Jahrhundertkünstler Pierre Paolo Pasolini in den 60er Jahren in seinen Freibeuterschriften ausgeführt. Pasolini war Rätoromane. Er wuchs im Friaul auf, wo 600’000 Menschen heute noch das Friulan sprechen, dem Bündner Romanischen verwandt, wie das Ladin der Dolomiten.

Pasolini forderte den Zusammenschluss der Alpengebiete von Wien bis Nizza mit der Hauptstadt Chur und dem Rätoromanischen als Inspirationsquelle. Diese kühne Idee ist nie aufgenommen worden. Schade!

Auf der 100erter Note steht cent francs.

Die Lia Rumantscha half entscheidend mit, dass das Romanische zur Landessprache erklärt wurde. Das Projekt des «Dicziunari Rumantsch Grischun» hat sie angestossen, den Auftrag, eine Schriftsprache für alle Romanen auszuarbeiten, hat sie erteilt. Sie lud zur «Scuntrada» ein, installierte die linguistische Datenbank «Pledari grond», stiess die Tageszeitung «Quotidiana» an.

Da ist viel gemacht worden, das man feiern kann.

Was die Lia und die Bündner Politik neben der über den Kantonsrand hinausschauenden Perspektive allerdings auch verpasst haben, ist, das Territorialprinzip in die Kantonsverfassung zu schreiben. Der Schwund des Romanischen hat viel damit zu tun. Die grosse Mutter Lia hat sich 100 Jahre eingesetzt, ohne den anderen weh zu tun.

Aufgebläht stattdessen wurde ein Apparat der trillinguistischen Korrektheit, die den Menschen oft wenig bringt.

Heute verlagert man das Territorialprinzip in die ganze Schweiz. 1/3 der Romanen leben im Unterland. Die Schweiz als Ganzes sei deshalb als Gebiet der vierten Landessprache anzusehen und Fördermassnahmen müssten diesem Umstand Rechnung tragen, forderte 2018 Johannes Flury, der Präsident der Lia am Jubiläum 80 Jahre Romanisch als Landessprache. Ja, da steckt Voraussicht drin. Was bedeuten 10’000 Rätoromanen in Zürich, wenn sie nicht zusammenkommen?

Dieses supponierte Territorialprinzip müsste auch in Graubünden ins Bewusstsein treten. Unterstützung für die Sprache, dort wo sie gesprochen wird: Bei den Kindern, bei den Chören, am Stammtisch, in den Vereinen, Jugendhäusern, Kultureinrichtungen, den Gemeinden, mit Fantasie und Demut. Die Mehrsprachigkeit, wie sie heute in Form von Übersetzungsschlachten stattfindet – meist für Beamte und Politiker, welche die Texte sowieso in deutsch lesen, ist zu hinterfragen. Die Liebe, die Begeisterung, la cumpagnia, der romanische Alltag der Bevölkerung, sie müssen im Zentrum der kommenden 100 Jahre stehen.  Impressarios vor Ort sollte es geben, die wissen wo der Schuh drückt und die Menschen vor Ort unterstützen.

Feiern wir mit der Lia mit, freuen wir uns über das Erreichte, geben wir uns aber nicht mit dem Erreichten zufrieden. Ils ons as cumpischen uossa! Die Jahre erfüllen sich jetzt!

 



Die Wende, SO Kolumne vom Juni 2019

am Juni 7, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Scharanser Zwischenrufe

 Die Wende

Das Jenseits des Schweinetrogs

«Sexualität egal. Hautfarbe egal. Religion egal. Herkunft egal. Name egal. Mensch ist Mensch.» stand auf dem Zettel. Kein Mensch ist illegal! stand da noch und da musste ich widersprechen. Es gibt sehr wohl illegale Menschen, sie heissen dann aber nicht Menschen, sondern abgewiesene Flüchtlinge. Flüchtling ist ein Wort mit ling am Schluss, wie Wüstling, Rohling oder Widerling, es ist nichts Gutes zu erwarten von ihm. Darum fällt er auch nicht unter das allgemeine Menschenrecht, man hat ein besonderes Recht für ihn geschaffen. Das humanitäre Menschenrecht, ein Schrumpf – Menschenrecht.

«Damit schaffst du dir keine Freunde», sagt meine Frau, nachdem sie den Text überflogen hatte. «Na, was soll ich denn schreiben?» «Sag, sie sollen eine Spendenaktion für den Kanton machen, die geben Hunderttausende Steuergelder aus, um ein paar wenig abgewiesene Menschen am Arbeiten zu hindern?» «Woher weißt du das?» «Von Wanja Gwerder und den Leuten vom Verein Mitenand im Ausreisezentrum in Valzaina».

Also luden wir Gwerder zu einem Podium nach Scharans ein. Mit ihm Anni Lanz, eine langjährige Menschenrechtsaktivistin, die gerade für ihr Verbrechen, einem traumatisierten Afghanen aus Italien die Flucht in die Schweiz ermöglicht zu haben, verurteilt worden ist

«Die reut das jetzt vermutlich», meinte Lanz am letzten Sonntag, als 25 Interessierte im Publikum Platz genommen hatten und ich sie gefragt, was man denn für diese Menschen tun könne, die schon seit 5 Jahren in der Schweiz sind, abgewiesen wurden und aus politischen Gründen nicht in ihr Land zurückreisen können. «So viel Publizität haben diese Menschen, denen die Menschenrechte in der Schweiz verweigert werden, wohl noch nie gehabt.» Jetzt habe sie noch den Paul Grüninger Preis bekommen, lächelte die Dame, die inzwischen weit über siebzig ist und weder Mut noch Kampfeslust verloren hat. Sie werde den Fall bis vor Bundesgericht ziehen.

«Die Lage der abgewiesenen Tibeter ist zum Teil verheerend» meinte Wanja Gwerder. Gerade die Tibeter, die ein wunderbares Beispiel seien, wie Integration gelingen könne. «Nach Tibet können sie nicht, da ihnen die Chinesen die Einreise verweigern, nach Indien können sie nicht, weil sie keinen indischen Pass haben.» Leo Mayer, der in Südamerika für das Heks arbeitet, meinte, in Honduras seien inzwischen 1 Million Venezolaner eingetroffen. «Und wir Schweizer fühlen uns von 15’000 Asylanträgen schon in die Enge getrieben!»

Wer immer an den vollen Schweinetrögen hänge, meinte der Moderator, der verliere den Blick für den Rest der Welt. Worauf wutentbrannt ein bekannter Künstler aufstand und in die «Menge» rief, die Schweiz sei ein Schweineland. Der Reichtum mache alles kaputt, die Seele und die Beziehungen.

Wanja Gwerder schaute in die Runde und meinte, wir könnten uns vielleicht gar nicht vorstellen, wie viel er von der Weltgeschichte und vom Reichtum der Völker, wie viel an Herzenswärme, Liebe und Zuversicht, Überlebensmut und Pfaditrotzallem von diesen Menschen geschenkt bekommen habe.

«Raus aus der Konfortzone!», rief meine Frau und Gwerder nickte:

«Kommt nach Valzaina, ladet einen zu euch ein, oder zwei. Da könnt ihr euer Wunder erleben.»

Ich überlegte, wo denn ich aus meiner Konfortzone heraus gehen könnte, weg vom Trog, dorthin, wo diese Menschen ohne Heimat stehen: in der Hoffnung.

 



Vom Sinn und Zweck, Mai-Kolumne

am Mai 13, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Vom Sinn und Zweck, Kolumne

Scharanser Zwischenrufe

Von Sinn und Zweck
Nachruf auf eine vergangene Zeit
Als sie noch lebte erschien jeden Tag eine Hand mit einer kleinen Giesskanne am Fenster. Die Blumen auf dem Fensterbrett schienen «guten Morgen!», zu rufen, »hast du den Tag schon gesehen? Einfach herrlich! Und die blühenden Kirschbäume drüben beim Nachbarn und die Amseln, es ist das reine Glück.»

Da die Wasserspenderin hinter dem Fenster unsichtbar war, wusste ich nicht, ob sie eine Antwort auf das bunten Kindergarten Geplapper der Veilchen, Nelken und Tagetes hatte. Was aber sicher war, jeden Morgen erschien die Hand mit der Giesskanne …
Doch dieses Jahr erscheint weder Hand noch Giesskanne. Blumen gibt es auch keine auf der Fensterbank.
Meine Nachbarin ist nicht mehr. Ich habe das kleine Foto aus der Rubrik «unsere Verstorbenen» geschnitten und es an meinen Computer geklebt. Auf dem Foto lacht sie und der Rüsche Kragen ihrer Bluse sieht auf dem gedruckten schwarz/weiss Bild aus wie ein Perlenkollier.
Ich vermisse ihr Lachen, den kurzen Wortwechsel, wenn sie ins Dorflädeli ging. Manchmal klopfte sie an unserer Haustüre, wenn sie ein Rezept nicht lesen konnte. Ihre Augen waren trüb geworden und sie sah nur noch die Peripherie. Kochen konnte und wollte sie aber trotzdem noch, denn einen Sinn muss der Mensch haben im Leben. Und Kochen ist doch Sinn.

Als die Zeit für die Blumen gekommen wäre, versammelte sich das Dorf und nahm Abschied. Viele waren da und ein Hauch aus der Zeit, als die Menschen mit dem Leben und dem Tod so auf Du und Du waren, wehte durch den Friedhof, die Kirche, das Dorf.

So muss es wohl einmal gewesen sein: Die Menschen bezogen den Sinn ihres Lebens zuerst und vor allem aus dem, was sie waren und was sie taten. Kühe füttern, heuen, melken, metzgen, kochen, Kinder gebären und sie aufziehen. Sie kannten dieses parkiert Sein in einem Beruf, in einem Nutzen, in einem Altersheim weniger als wir, die wir uns einen Sinn geben müssen, damit wir nicht ganz sinnlos unser Leben vor Computern, verläppern,  in Dienstleistungen, in Karrieren, Hierarchien und im Habenwollen -müssen irgendwelcher Dinge, die uns einen Nutzen versprechen, aber im Grunde vollkommen sinnlos sind.

Hölderlin, der deutsche Lyriker, der auch Graubünden besuchte und mit der Ode an den Rhein eine Liebesbotschaft an die Alpen und den Kanton verfasste, schreibt in einer Vorrede, dass alle sehr originell sein wollten, weil sie gerne neu und anders sein wolen. Ihm aber bedeute das Neue nicht viel denn: «…mir ist nichts lieber als was alt ist wie die Welt», das sei eine Originalität, die auf Innigkeit, Tiefe des Herzens und des Geistes ruhe.

Was wir schon hinter uns haben ist die Mutation des menschlichen Geistes und Körpers durch die Technik, was noch vor uns liegt ist die Folge dieser Mutation: Der Verlust der Welt. Einmal physisch durch die Zerstörung unzähliger Lebensformen auf diesem Planeten, und wohl auch der Grundlage unseres eigenen Lebens, andererseits der Verlust unserer Beziehung zu den Dingen, die je beherrschbarer sie geworden sind, nur umso stummer werden.

Die Hand mit der Giesskanne, die den Blumen Lebenselixier und der Giesserin Sinn verschafft, wird mir ein Zeichen bleiben aus einer vergangenen Zeit, in der Sinn nicht gesucht werden musste, weil die Menschen vom Sinn gefunden worden waren. Und wenn ich mir die Sache gut überlege, da war nur eine Giesskanne, die Hand ist in meiner Erinnerung unsichtbar.

 



https://www.bleiche.ch/resort/bleiche-sessions/pippo-pollina-linard-bardill.aspx

am April 11, 2019 — in der Rubrik: Zauberbett



Fraubündet euch! Kolumne 5.4.2019

am April 5, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Ein roter Teppich für die Frauen!

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Scharanser Zwischenrufe

Fraubündet euch!

Ein roter Teppich für die Frauen

Ich kenne keinen, der etwas gegen Kindergeburtstage hat. Oder Altersnachmittage.

Ich kenne aber viele, die etwas gegen eine angemessene Elternzeit haben.

Eine Frau, die Kinder bekommt, soll nach 14 Wochen wieder arbeiten. So will es das Gesetz. Vaterschaftsurlaub dauert je nach Arbeitgeber 1-5 Tage. Gesetzlich gibt es keine Regelung. Die Elternzeit sei zu teuer.

In Schweden gibt es sie bereits seit 1994, speziell für Väter. In Deutschland dauert sie 36 Monate. In Dänemark 50 Wochen, in Schweden 70.

Bundesrätin Somaruga schlug 2012 einen Vaterschaftsurlaub vor. Valérie Pillard Carrard reichte dazu eine Motion ein. Der Bundesrat vertröstete auf später. Der Nationalrat lehnte ab. Am 4. Juli 2017 wurde die Initiative Vaterurlaubjetzt eingereicht. Forderung 20 Wochen. Damit würde die Schweiz vom Schlusslicht in Europa in den unteren Mittelstand eintreten. Die Arbeitgeberverbände (gefühlte 90% Etagemänner) lehnen sogar den Gegenentwurf mit der Hälfte Vaterschaftsurlab ab.

Den meisten Männern geht die Elternzeit offensichtlich am Hintern vorbei. Warum? Ist es, weil die Frau sowieso zu Hause für die Kinder, für die Schule, für die Ausbildung und den ganzen Rest zuständig ist, eventuell die Grosseltern noch mitbetreut. Was braucht es Elternzeit und Betreuungsboni, wenn die Frauen eh alles gratis machen!

Die Betreuung der Kinderbetreuung und den Haushalt zu managen, dazu noch berufstätig zu sein, ist eine Riesenherausforderung. Darum brauchen Familien eine substanzielle Elternzeit, genügend freie, bezahlbare Krippenplätze und schliesslich effektive Lohngleichheit.

Die skandinavischen Länder haben das realisiert. Aber nicht weil die Männer das so eingerichtet haben. Es waren die Italiener, die nicht in den kalten Norden migrieren wollten! Die haben das bewirkt. Die Nordländer merkten nämlich, dass sie die Frauen brauchten, um ihre Wirtschaft konkurrenzfähig zu halten. Die Frauen erklärten sich bereit, einzusteigen, aber nur unter der Bedingung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Männer muss man zwingen. Sie haben es in den letzten Jahrzehnten bewiesen. Sie sind nicht bereit, den Frauen ein Umfeld zu schaffen, wo sie Beruf und Familie vereinbaren können. Bald ist Frauenstreiktag. Wäre das nicht die Gelegenheit, all diese Themen gültig zu formulieren und Forderungen aufzustellen?

Ihr Frauen, die ihr Expertinnenen seid für Soziales, Bildung, Gesundheit, Kulturelles, den Frieden, das menschliche Zusammenleben, die Gerechtigkeit, die Zukunft, überlasst das Feld nicht den Männern! Ihr seid die Mehrheit. Blast den Sozialdumpern den Marsch, bringt den Waffenschmieden die menschliche Verantwortung bei. Die Männer werden euch nie freiwillig den Platz und Wert geben, den ihr verdient. Bringt euch bitte ein! Verweigert euch, setzt sie unter Druck, zu ihrem eigenen Wohl.

Die Parteien sind komplett männerdominiert. Von ihnen ist keine Umkehr zu erwarten. Die einzige Lösung, die ich sehe, liegt in der Gründung einer Frauenpartei.

 

Es ist hohe Zeit. Frauenstreiktag und Nationalratswahlen stehen vor der Türe. Ich unterstütze eine Partei der Frauen und so manche Männer legen euch dafür den roten Teppich aus! Ich bitte inständig: Fraubündet euch!Für Mutter Erde, für das Klima, für die Kinder, für die Familien, für die Zukunft. Für uns alle.