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Fraubündet euch! Kolumne 5.4.2019

am April 5, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Ein roter Teppich für die Frauen!

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Scharanser Zwischenrufe

Fraubündet euch!

Ein roter Teppich für die Frauen

Ich kenne keinen, der etwas gegen Kindergeburtstage hat. Oder Altersnachmittage.

Ich kenne aber viele, die etwas gegen eine angemessene Elternzeit haben.

Eine Frau, die Kinder bekommt, soll nach 14 Wochen wieder arbeiten. So will es das Gesetz. Vaterschaftsurlaub dauert je nach Arbeitgeber 1-5 Tage. Gesetzlich gibt es keine Regelung. Die Elternzeit sei zu teuer.

In Schweden gibt es sie bereits seit 1994, speziell für Väter. In Deutschland dauert sie 36 Monate. In Dänemark 50 Wochen, in Schweden 70.

Bundesrätin Somaruga schlug 2012 einen Vaterschaftsurlaub vor. Valérie Pillard Carrard reichte dazu eine Motion ein. Der Bundesrat vertröstete auf später. Der Nationalrat lehnte ab. Am 4. Juli 2017 wurde die Initiative Vaterurlaubjetzt eingereicht. Forderung 20 Wochen. Damit würde die Schweiz vom Schlusslicht in Europa in den unteren Mittelstand eintreten. Die Arbeitgeberverbände (gefühlte 90% Etagemänner) lehnen sogar den Gegenentwurf mit der Hälfte Vaterschaftsurlab ab.

Den meisten Männern geht die Elternzeit offensichtlich am Hintern vorbei. Warum? Ist es, weil die Frau sowieso zu Hause für die Kinder, für die Schule, für die Ausbildung und den ganzen Rest zuständig ist, eventuell die Grosseltern noch mitbetreut. Was braucht es Elternzeit und Betreuungsboni, wenn die Frauen eh alles gratis machen!

Die Betreuung der Kinderbetreuung und den Haushalt zu managen, dazu noch berufstätig zu sein, ist eine Riesenherausforderung. Darum brauchen Familien eine substanzielle Elternzeit, genügend freie, bezahlbare Krippenplätze und schliesslich effektive Lohngleichheit.

Die skandinavischen Länder haben das realisiert. Aber nicht weil die Männer das so eingerichtet haben. Es waren die Italiener, die nicht in den kalten Norden migrieren wollten! Die haben das bewirkt. Die Nordländer merkten nämlich, dass sie die Frauen brauchten, um ihre Wirtschaft konkurrenzfähig zu halten. Die Frauen erklärten sich bereit, einzusteigen, aber nur unter der Bedingung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Männer muss man zwingen. Sie haben es in den letzten Jahrzehnten bewiesen. Sie sind nicht bereit, den Frauen ein Umfeld zu schaffen, wo sie Beruf und Familie vereinbaren können. Bald ist Frauenstreiktag. Wäre das nicht die Gelegenheit, all diese Themen gültig zu formulieren und Forderungen aufzustellen?

Ihr Frauen, die ihr Expertinnenen seid für Soziales, Bildung, Gesundheit, Kulturelles, den Frieden, das menschliche Zusammenleben, die Gerechtigkeit, die Zukunft, überlasst das Feld nicht den Männern! Ihr seid die Mehrheit. Blast den Sozialdumpern den Marsch, bringt den Waffenschmieden die menschliche Verantwortung bei. Die Männer werden euch nie freiwillig den Platz und Wert geben, den ihr verdient. Bringt euch bitte ein! Verweigert euch, setzt sie unter Druck, zu ihrem eigenen Wohl.

Die Parteien sind komplett männerdominiert. Von ihnen ist keine Umkehr zu erwarten. Die einzige Lösung, die ich sehe, liegt in der Gründung einer Frauenpartei.

 

Es ist hohe Zeit. Frauenstreiktag und Nationalratswahlen stehen vor der Türe. Ich unterstütze eine Partei der Frauen und so manche Männer legen euch dafür den roten Teppich aus! Ich bitte inständig: Fraubündet euch!Für Mutter Erde, für das Klima, für die Kinder, für die Familien, für die Zukunft. Für uns alle.

 

 

 

 

 

 

 



Fertig mit em Nörgele / SO Kolumne im Feb

am Februar 8, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Scharanser Zwischenrufe: Der Leute Ärger

über das Ende der Nörgelei

«So jetzt isch fertig mit nörgala!» sagte mir Freund Giorgio. Es bringe nix und das politische System in Venezuela sei sowieso zum Tode verurteilt, weil die Amerikaner das Öl schon seit Jahren haben wollten, und es auch kriegten, genauso wie sie Korea und Vietnam gekriegt hätten, Chile und den Irak, Libyen, Syrien …. «Halt rief ich, Syrien haben sie nicht gekriegt, Assad ist immer noch da!» Aber nur weil Syrien jetzt von den Russen abhängig sei, sagte Giorgio und wir debattierten weiter: Über das Recht des Stärkeren und über die Gier nach immer mehr, über den Hegemon USA, der alles tut, um Hegemon zu bleiben und sich weder um Verträge, Demokratie, Menschenrechte oder Völkerrecht kümmert, wenn es ihm nicht gerade in den Kram passt.
Ich war ziemlich frustriert, denn ich habe den Hang zum Idealismus, den Glauben an die Souveränität der Staaten und des Individuums, brenne für Menschenrechte und finde das Völkerrecht eine gute Einrichtung. So empöre ich mich

über Ungerechtigkeit, Hässlichkeit und Lügen, über die Vernichtung des Regenwaldes, den Genozid an den Stämmen in, Brasilien, die Klimaveränderungslügner und den Köppel, der seinen SVP-Dreck über Greta Thunberg ausleert. Soll es mir gleich sein, dass Schweizer Konzerne im Ausland Menschen unterdrücken, Kinder für ihre Gewinne arbeiten lassen, Wasser aufkaufen, ganze Landstriche vergiften und dann auch noch vom Bundesrat reingewaschen werden?

Ehrlich gesagt ärgern mich Missstände auch in Graubünden. Das WEF und Ueli Maurers idiotischen Sprüche sind nur das eine. Da gibt es auch kleinere Übel, die nerven. Zum Beispiel EWZ und Co, die für das Stromnetz in Graubünden absolut unverschämte Tarife verlangen, oder die Sozialdumper, die behaupten man käme hierzulande mit 600.- Franken im Monat über die Runde, die Churer Verkehrsbetriebe, die ihre Busse mit Reklamen vollkleben, dass man alles nur noch wie durch einen Nebel sieht und sich vorkommt wie in einem Affenkäfig.

Soll ich weitermachen? Psychologisch tut Ausrufen gut, «Per star bene lamentati!»sagt ein sizilianisches Sprichwort, ,«Beklage dich, dann geht’s dir gut!». Totschweigen, kultiviert übergehen, so tun als ob: alles Strategien, die zu Magengeschwüren führen.

Das Problem dabei sei, dass die Alternativen auf der Strecke blieben, die Visionen für eine bessere Welt warf mein Freund ein. «Oder hast du den Dalai Lama schon mal nörgeln gehört, oder Franz von Assisi oder sonst ein Weltweiser.»

Damit hatte Giorgio mich im Sack. Ich möchte doch lieber ein Weiser als ein Nörgler sein. Er schob mir den NZZ Artikel von Steven Pinker rüber, der behauptet, heute sei alles besser als früher. Doch statt mich zu überzeugen, gab mir der utilitaristische Artikel den Rest.

Auf die Gefahr hin kein Weltweiser zu werden, sage ich weiter, was mich bewegt, und was ich schief finde im Lande, zB der Leserbrief vom Hamilton Chef Andreas Wieland, in dem er behauptet, der hochverdiente Altbundesrichter Giusep Nay mache Graubünden schlecht mit seinem Kampf um Gerechtigkeit in Sachen Baukartell und Adam Quadroni. Hamilton mache doch 250 Millionen Umsatz und darum solle man jetzt in die Zukunft schauen. Plutokratie statt Argumente, Beschäftigungszahlen statt Gerechtigkeit, die Fratze des Kapitalismus, soll man eine solche intellektuelle Lachnummer einfach stehen lassen? Oder doch lieber auf das Prädikat Weiser verzichten?

 

 



Das WEF in Davos ist Teil des Problems

am Januar 17, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Das WEF ist Teil des Problems
Das WEF ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.
Reflexionen zum Welt Risiko Bericht des WEF 2019

Wer den Welt Risikobericht des WEF  http://www3.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2019.pdf

eingehend studieren möchte, muss gut Englisch können und er benötigt einen Tag um ihn einigermassen zu verstehen.

Sämtliche im Netz auffindbaren «Zusammenfassungen» scheinen aus einer einzigen Quelle zu kommen. Sie gleichen sich wie ein Ei dem andern. Versucht man in die Tiefe der Thematik zu gehen, verliert man sich im Knüppelholz der schieren Menge an Risiken, welche die Welt und das Klima, die Wirtschaft, die Arbeit und die Menschen ausgesetzt sind.

Der Bericht teilt die Risiken in 3 Schwerpunkte ein:

  1. a) Wirtschaft
  2. b) Umwelt
  3. c) Geopolitik

Im Jahr 2019 werden die Themen um das Klima priorisiert. Die Menschen laufen Gefahr, von den globalen Klima-Veränderungen, Umwelt-Zerstörungen, Wassernot etc erdrückt zu werden. Bei der Vorstellung wurde das Verhalten des Menschen als Schlafwandel in die Katastrophe bezeichnet.

In der Geopolitik sieht der Bericht das Zerfallen von regionaler, nationaler und globaler Regierungsführung / -fähigkeit (governance). Darunter kann man den Zerfall der Demokratien und das Anwachsen von autoritären Systemen verstehen. Dazu die Zunahme vom Unterschied von Arm und Reich, die ideologischen Polarisierungen der verschiedenen Gesellschaften, das Zunehmen nationalistischer Gefühle als Grund sozialer Instabilität.

Was im ganzen Bericht nicht steht ist eigentlich das Entscheidende:
Die globalisierte Wirtschaft, die Grosskerne mit ihren alle staatlichen Grenzen ignorierenden Multilateralität kommen explizit nicht vor.

Die Grundfrage, ob die Art der Globalisierung, so wie sie das WEF seit Jahrzehnten angeblich flankiert, im Grunde aber nur hofiert, die richtige Reaktion  sei auf die technischen Veränderungen, auf die Bevölkerungsexplosion, auf die wirklichen Bedürfnisse des Menschen, diese Frage kommt und kam im WEF nie wirklich vor.

Die vielen Versuche, das WEF mit Gegenthesen oder Alternativen zu flankieren sind inzwischen beinahe alle eingeschlafen. Die NGO’s, (Public Eye, Atac Schweiz, das andere Davos,) die lange als «das andere Davos» ins WEF eingebunden wurden, empfanden ihre Teilnahme immer mehr als Reduktion einer Feigenblatt-Funktion und sistierten aufgrund von Vereinnahmung, Marginalisierung oder der empfunden Sinnlosigkeit ihres Unterfangens die weitere Teilnahme.

(Einen Überblick über die alternativen Foren – das andere Davos- findet man unter

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftsforum)

Das Weltsozialforum http://weltsozialforum.org/ in Puerto Alegre hingegen erlebt im Jahr 2018 ihr 14. Bestehen. Doch das WSF ist tief gespalten.

In seinen Gründungsurkunden stand die planetarische Gesellschaft im Mittelpunkt ihres Fokus:

„1. Das Weltsozialforum ist ein offener Treffpunkt für reflektierendes Denken, demokratische Debatte von Ideen, Formulierung von Anträgen, freien Austausch von Erfahrungen und das Verbinden für wirkungsvolle Tätigkeit, durch und von Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft, die sich dem Neoliberalismus und Herrschaft der Welt durch das Kapital und jeder möglichen Form des Imperialismus widersetzen, und sich im Aufbauen einer planetarischen Gesellschaft engagieren, die auf fruchtbare Verhältnisse innerhalb der Menschheit und zwischen dieser und der Erde engagieren.“[1]

Doch das ist lange her:

Heute sind die Fliehkräfte zwischen den sogenannten Linken, den ehemaligen Linken wie Lula da Silva, der im 2018 am WSF seinen wohl eindrücklichsten Auftritt für eine Wahl bekam, zu der er schliesslich gar nicht zugelassen wurde und den heutigern Linken, den engagierten, unterdrückten, sozialen Kräften – meist aus Lateinamerika, diese Fliehkräfte sind so gross, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, das WES sei an einem Ende angekommen. Zerrieben in den Kämpfen der ehemaligen Linken und  den heutigen Linken, die sich fragen, was ein Linker heute überhaupt noch ist …

„Was ist das Projekt des Wandels, das wir im 21. Jahrhundert brauchen?“ fragt Tadzio Müller von der Rosa Luxenburg Stiftung, in einer Zusammenfassung des letzten WSF und endet mit der Feststellung: «Produktivismus vs. Antiproduktivismus, Zentralismus vs. Horizontalismus, Patriarchat vs. Feminismus. Nationalismus vs. Globalismus. Das sind für mich die Kernfragen, zu deren Beantwortung das WSF nicht mehr fähig ist.»

 

So sind wir an einem Punkt angekommen, wo die alternativen, die oft als links bezeichneten Ideen, Veranstaltungen und Projekte, die als Echo auf das WEF gegründet und durchgeführt wurden, diesen Echoraum nicht mehr zur Verfügung stellen wollen oder können. Die Parallele zum Mauerfall von 1989 drängt sich auf. Der neoliberale, totale Sieg des entfesselten globalisierten Kapitals findet augenscheinlich auch in den letzten Refugien der Reflexion statt. Selbst der Streit gegen den praktischen Neoliberalismus scheint sinnlos geworden  zu sein, weil der Sieg des nun global herrschenden Leviatans ein totalitärer scheint. Das bedeutet aber, dass dieser Monolith der Ideenlosigkeit, dieser Koloss der Geldvermehrung, der sich im WEF eine globale Plattform aus geheimer und öffentlicher Selbstdarstellung geschaffen aht, nun selbst in der Pflicht wäre, sich zu reflektieren.

Die Organisatoren und Teilnehmer am WEF müssten die fundamentale Erkenntnis zulassen: Wir sind das Problem. Wir, die neoliberalen Geldvermehrer, wir, die wir alles dem Gewinn opfern, die wir das Wohl der Menschen hinter unsere Konzern-Strategie stellen, die Umwelt hinter unsere Gewinnmaximierung, wir, die multinationalen Konzerne und Staaten. Unsere Strategie des «höher weiter mehr» führt dazu, dass die Menschheit in den Abgrund läuft. D Sei dies nun durch eine Klimakatastrophe, den wirtschaftlichen Blowout der Rohstoffe auf Grund der Totalausbeute der Ressourcen, durch einen Zusammenbruch des maroden Finanzsystems, durch die Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter aufgeht und durch die aufgrund des globalen Nihilismus ausgelöste Verzweiflung der Menschen, die im Bericht als increasing chronic deseasis aufgelistet ist und nach dem 700 Millionen Menschen auf der Erde als psychisch krank gelten.

In einem System, indem es weder Sinn stiftende Alternativen, noch ethische Dominanz, kein effektives Recht auf Dasein, nur das nackte Leben (G. Agamben) des Konsumenten gibt, dort wandert die Zivil-Gesellschaft in eine Art Lager, das ohne Perspektive und ohne geistig/seelische Inhalte ist. In einem Dasein ohne Metadiskurs, ohne Hoffnung auf Ganz- und Heilwerden ist der Ausweg in psychische Krankheiten die einzige «gesunde» Reaktion eines Organismus.

Für das schnellen Lesen sind am Ende des WEF Risikoberichts noch die Zukunftschocks aufgelistet. Tanto per cambiare: Von Atomkatastrophe bis Klimakollaps, Der Bericht kann und wird erneut Angst und Hoffnungslosigkeit stiften. Er beinhaltet leider keinen Ansatz zur wirklichen Veränderung der desolaten Situation. Denn, ich widerhole mich: diese Änderung kann nur durch eine Kehre des Systems stattfinden und diese Kehre müsste von Menschen eingeleitet und getragen werden, die heute selbst das System repräsentieren. Immerhin geht es um das Weiterleben der Menschheit auf diesem Planeten. Dazu scheinen aber weder die Organisatoren noch die Teilnehmer des Davoser Wirtschaftsforums bereit oder fähig.

Auf Grund dieser persönlichen Analyse, komme ich zum Schluss, dass die Zeit der sog linken oder rechten Alternativen vorbei ist. Die Ideologien streiten nicht mehr, denn entweder haben sie sich im Nirgendwo verirrt, oder sie sind gar nicht mehr als Ideologien erkennbar. Der einzige Echoraum, der noch möglich ist, liegt in der Frage nach einer neuen sowohl individuellen als auch gemeinschaftlichen Sinnstiftung. Es geht um die Frage nach der Metaebene für eine Zivilgesellschaft, die sich aus ihrem Schlaf wieder in eine Wachheit erhebt, die sie dazu befähigt, das Ruder noch einmal herum zu reissen.

 

 

 

 

 

 

 

 



SO – Kolumne über das WEF 11.1.2020

am Januar 11, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Lauftext:

Der Leute Widerstand

Linard Bardill*
über das WEF

Kennen sie einen Mann, der einer Frau in der Öffentlichkeit sagt, sie sei so hässlich, dass er sie nicht einmal vergewaltigen würde? Oder er würde in seinem Land am liebsten eine Militärdiktatur errichten? Der Mann heisst mit Vornamen Jair Messias. Er schwärmt von der Militärjunta, von deren Folterminister Alberto Brilhante Ustra und vom ehemaligen peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori wegen seiner Militärintervention gegen die Gerichte und das Parlament seines eigenen Landes. Er kündigte ein Vorgehen mit militärischer Härte gegen Beschützer des Amazonas-Regenwaldes und indigene Volksgruppen an, und er ist der neue Präsident von Brasilien: Jair Messias Bolsonaro.

Bolsonaro kommt nach Graubünden, ans WEF. Unsere Regierung wird ihm vielleicht die Hand reichen. Unsere Armee und Polizei werden ihn wahrscheinlich vor Terroristen beschützen. Wir, sie und ich, stehen ganz bestimmt mit unseren Steuergeldern für seine Sicherheit gerade.

Wie kommt das bei Ihnen an? Finden Sie, dass bei uns alle willkommen sein müssen? Müsste man auch Adolf Hitler, wenn er heute irgendwo als Diktator tätig wäre, in Davos begrüssen? Oder gibt es eine rote Linie? Wenn ja, wo wäre die? Bei Erdogan aus der Türkei, bei Rodrigo Duterte, dem Präsidenten aus den Philippinen, der sagte, er würde gerne – wie Hitler die Juden – die drei Millionen Drogenabhängigen der Philippinen töten. Oder beim Massenmörder Kim Jong-un? Wären sie alle in Davos willkommen? Die definitive Liste wird erst am 15. Januar publiziert. Vielleicht hat unsere Regierung ja noch einen Pfeil im Köcher für den Fall, dass Kim sich wirklich anmeldet.

Davos war einmal ein Ort der Wahrheitsfindung. Ein Ort, wo – zwischen den beiden Weltkriegen – Menschen wie Albert Einstein, Ernst Cassierer, Martin Heidegger und unzählige mehr in den Davoser Hochschultagen über die Richtkräfte des 20. Jahrhunderts nachdachten und diskutierten. Davos ist der Ort, wo die individuelle Freiheit im Davoser Freiheitsbrief von 1289 zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte schriftlich niedergelegt worden ist.

Was tun die Mächtigen und Reichen heute da oben in Davos? Ich denke nicht, dass das WEF etwas zu einer besseren Welt beiträgt.Ich glaube nicht, dass die Teilnehmer etwas zur Stärkung der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts beitragen. Sie mehren dort ihren Ruhm, ihren Gewinn und ihre Macht, that’s all!

Glauben Sie, es gehe den Armen dieser Welt dank dem WEF besser? Oder doch eher den Reichen? Ich glaube, es geht beiden schlechter! Denn die Macht muss flankiert und kontrolliert werden, sonst gerät die Welt aus den Fugen. Die Gravitation des Menschen zum Immer-mehr-haben-Wollen führt alle in den Untergang! Die Macht braucht Grenzen und Gewaltenteilung. Mehrheitsdiktaturen und Grosskonzerne, die sich nur um ihren Gewinn und um keine nationalstaatlichen Regeln scheren, werden nie freiwillig auf ihr Geld und ihren Einfluss verzichten. Darüber müsste am WEF gesprochen werden. Und über die Chancen der Zivilgesellschaft, den inzwischen hydraköpfig gewordenen Macht-Leviathan in Ketten zu legen.

Das WEF in Davos macht uns keine Ehre, denn es hat seine Ehre längst verzockt. Es rollt den Mächtigen wie Jair Messias Bolsonaro den Teppich aus, spuckt grosse Demokratie-Marketingtöne und lügt uns vor, der Zivilgesellschaft einen Nutzen zu bringen.

Es gibt in der Demokratie das Recht auf Widerstand!

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern. Einmal im Monat schreibt er an dieser Stelle, worüber er als Künstler 
und Bündner nicht den Mund halten will.



Kolumne So. Der Leute Glück, Weihnachten und Ems-Chemie

am Dezember 14, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Der Leute Glück

Kolumne in der SO 14.12.18

Linard Bardill*
über das Kind,
das bald geboren
 wird

Weihnachten ist einer der letzten Nägel, an dem in dieser geistig und moralisch umnachteten Epoche Glaube, Liebe und Hoffnung hängen. Da soll ein Kind geboren werden. Dieses Kind sei unser Zuspruch auf eine neue Zeit. Es soll die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit, nach der Fülle des Lebens und der Wahrheit stillen. Sein Name heisst: wunderbar, der Ewigkeiten Vater und Friedensfürst. Ein König sei er, sein Thron die Gerechtigkeit, sein Palast ein Stall, seine Krone das Licht der Erlösung. Weil wir uns nach diesem Kinde sehnen, feiern wir Weihnachten.

Es sieht so aus, als ob den Menschen diese Sehnsucht nach Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit angeboren wäre, auch in den reichen Ländern mit dem oft beschworenen besten politischen System. Denn wären wir mit den materiellen Dingen, dem dichten Dach, dem vollem Tisch zufrieden, hätten wir wohl nicht täglich Menschen, die vor den Zug springen, würde das Burn-out-Alter nicht immer weiter sinken, wären die Abteilungen der psychiatrischen Kliniken nicht so übervoll. Ginge es uns wirklich gut, Weihnachten wäre überflüssig, wir könnten das Kind vergessen.

In unserem Nachbarland wehren sich viele Bürger nicht nur gegen einen höheren Benzinpreis, sie kämpfen für die Würde ihrer Arbeit, stellen sich gegen die Arroganz der Macht, gegen das System, in dem die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.

Der Drogenboss El Chapo soll palettenweise Dollars in seinem Keller gestapelt haben. Die Wände des Hauses von Tunesiens Diktator Ben Ali waren mit Devisen isoliert.

Sind die Reichen denn glücklich? Sind sie dem Kind näher, der Fülle des Lebens, dem Licht, der Schönheit des Himmels und der Wärme der Erde? Geld scheint nicht der wirkliche Grund zum Glück zu sein. Denn auch wenn einer schon Millionen verdient, er will doch Milliarden haben.

Die Besitzer der Ems-Chemie verdienen Hunderte Millionen im Jahr. Trotzdem verlagerten sie ihr Inkasso ins steuergünstige Luxemburg. Nicht Domat/Ems oder andere Standorte des Imperiums kommen seither in den Mehrgenuss des Firmenerfolges, sondern Luxemburg, auch so ein Briefkastenfirmenland, mit dem die Besitzerfamilie nur die Gewinnmaximierung teilt. Die Besitzer engagieren sich in der Politik. Doch seltsam: Obwohl sie das Ausland mit ihren Steuern beglücken, verlangen sie eine Schweiz mit möglichst wenig Ausländern und Abschottung vom Rest der Welt. Sie predigen Wasser und trinken Wein, und sie wollen Macht, immer mehr Macht: Nationalrat, Ständerat, Bundesrat. Dafür brauchen sie Geld. Ist das der Grund ihrer Machenschaften, wie Steuertransfer und Politlügen, die jeder durchschauen kann, der den Mut dazu hat?

Und warum werden sie von den Wählern dorthin gehievt, wo sie nur wieder den Reichen zu noch mehr Reichtum verhelfen, warum werden sie gewählt?

Macht es denn die Wähler glücklich, wenn sie der Tochter aus der zehntreichsten Familie der Schweiz zur Macht verhelfen? Und wenn ja, glauben sie, durch das fremde Geld und die fremde Macht selber ein bisschen mächtiger, selber ein bisschen glücklicher zu werden, und glauben sie so an der Gnade des Kindes Teil zu haben, das da aufrichten wird die Geknechteten, die Weinenden tröstet, die Schwachen schützen, Obdach geben wird den Vertriebenen, und den Verlassenen Gemeinschaft?

Eine nachdenkliche und lichtdurchflutete Adventszeit sei uns allen gleichermassen gegönnt.

Linard Bardill ist Theologe, Liedermacher und Autor. 
Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern. Einmal im Monat schreibt er an dieser Stelle, worüber er als Künstler und Bündner nicht den Mund halten will.



Kolumne SO 16.11.18

am November 16, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne in der Südostschweiz vom 16.11.2018
Scharanser Zwischenrufe
Der Leute Wut
Über Kälber und die Wahl der Metzger.

Die Wutbürger sind am Zug. Sie wollen den IV-Schmarozern an den Kragen. Sie wollen die Migranten zurück nach Afrika oder Asien schicken, und sie wollen keine fremden Richter.
Die Wutbürger haben genug. Auch in der Schweiz. Egal, was dabei alles kaputtgeschlagen wird. Sie hauen drauf. Auf die Demokratie! Auf die Menschenrechte!  Aufs Völkerrecht! Auf alles, was fremd und schwach ist. Drauf!!!
Letzthin sprach ich auf einer Raststätte mit einem Lastwagenfahrer, der mir während einer animierten Diskussion über die Emigranten sein Gebiss entgegenstreckte: ein abgebranntes Negerdorf. Verzeihung Neger darf man nicht sagen. Man darf sie zwar im Mittelmeer ersaufen lassen, aber sagen tun wir Afrikaner. Egal. Der Lastwagenfahrer erklärte mir, er habe seit 15 Jahren kein Geld, um zum Zahnarzt zu gehen, aber diesen Drecksmigranten schiebe man die Kohle nur so in den Arsch. Er habe genug von diesen verdammten Eindringlingen und wenn er mit dem Flammenwerfer drüber könnte …
Der Mann hatte eine Stinkwut und ich verstand ihn. Ich fragt ihn, wer denn sein Chef sei und er nannte mir Herrn Giezendanner, einen Namen, den man aus dem Nationalrat kennt und über den im Wikipedia steht:  Sein temperamentvolles Auftreten macht ihn zu einem häufigen Gast in Fernsehshows. Er ist bekennender Christ und unterhält einen Saurer-Oldtimerpark. Da arbeite er ja am rechten Ort, sagte ich, sein Chef setze sich mächtig ein gegen das Migrantenpack und die Sozialschmarotzer. Ja, rief der Mann aus, ich müsse nicht meinen, er interessiere sich nicht für Politik. Ob er sich selbst denn auch für die Höhe seines eigenen Lohnes interessiere? fragte ich ihn, vielleicht habe der noch mehr mit seinen Zähnen zu tun als die Migranten.
Der Mann ging auf mich los und sagte, wenn ich seine Faust in meiner Fresse haben wolle, dann soll ich seinen Chef in den Dreck ziehen. Er hatte offensichtlich begriffen, worauf ich hinauswollte. Und er schäumte.

«Immer mit der Ruhe!» sagte ich, «ich habe mehr an eine Demo gedacht gegen die Dreckschweine, die ihre Leute so mies bezahlen und ausbeuten, dass sie ihre Zähne seit 15 Jahren nicht mehr flicken können.»
Das war dann zu viel. Der Mann, vermutlich um mich nicht spitalreif zu schlagen, verliess die Raststätte und ich überlegte mir, was ich falsch gemacht hatte.
Ich hätte so gern mit ihm über die Selbstbestimmungsinitiative gesprochen. Da wird den Leuten ja auch die Selbstbestimmung versprochen und dabei nimmt man ihnen diese gerade weg.
Mit der Wut ist es so eine Sache. Eigentlich ist sie doch gut. Sie hilft uns, dass wir uns wehren, wenn wir verscheissert werden. Um herauszufinden, wofür wir uns stark machen und gegen welchen Gegner wir kämpfen, dafür müssen wir etwas abkühlen und überlegen.
Sonst kommen die wahren Demokratie-Trojaner und machen uns weiss, dass ihr Recht über allen anderen stehe.
Stellen sie sich nur mal vor, der Herr Gietzendanner wäre der Meinung, alle demonstrierenden Lastwagenfahrer gehörten ins Gefängnis. Und er macht ein Gesetz mit seinen Spiessgesellen im Nationalrat, und das Volk sagt ja? Wo sollten wir uns dann noch hinwenden, wir, die wir auf das Recht für freie Meinung pochen? Nirgends! Ausser sie stimmen in einer Woche gegen diese hochbekloppte Initiative mit dem scheinheiligen Namen: Selbstbestimmung. Sie wurde von den Feinden der Demokratie gemacht.

 

 



Lesung/Konzert Bardill Alexandrovic

am Oktober 2, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Lesung / Konzert
Linard Bardill liest aus seinem 2018 auf La Gomera
geschriebenen Poem:
Die Insel, 12 Tage Gesang
Neneh Alexandrovic und Band spielen und singen
Sejedina, Glossolalie-Lieder aus den Tiefen der Sprache
10. November 19.30 Uhr Kirche Scharans
Abendkasse, Eintritt 28.- / 20.-

Anlässlich seines jährlich stattfindenden Workshops «Sterbenfür Anfänger», liest Linard Bardill aus seinem noch unveröffentlichten Buch «Die Insel», 12 lyrischen Gesängen, die er im Winter 2018 auf La Gomera verfasste.
Der Literaturkritiker Hardy Ruos schreibt dazu: «Das Poem ist ein Memento Mori und Sonnengesang, bringt Odysseus mit Gandhi zusammen auf einer Insel, die ich, überzeugter Festländer, nach der Lektüre als geborener Insulaner verlasse. Hinaus in eine Welt, die auch mich tanzt, um es mit der Feder, der 12 Gesänge zu sagen.»

An der Lesung wird Neneh Alexandrovic mit Band ihre Glossolalie-Songs vortragen. Es sind Lieder in einer völlig unbekannten Sprache. Mit dem Verstand ist dieser Sprache nicht beizukommen, denn sie fliegt über dem, was wir als Sprache kennen und sie gründet unter ihr. Die Lieder werden in der von Liebe und Sehnsucht, von Glück und Freude umspielten Weite der Musik den ZuhörerInnen nah und dringen unmittelbar zum Herzen …
http://www.nenehmusic.ch/

10. November 19.30 Uhr Kirche Scharans, Abendkasse 28.-/20.-



5 Kolumnen Mai bis September in der Südostschweiz

am September 26, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Scharanser Zwischenrufe

Die ersten 5 Kolumnen in der Südostschweiz nals PDF

  1. Der Leute Zorn
  2. 2. Der Leute Sehnsucht
  3. 3. Der Leute Kunst
  4. 4. Der Leute Kultur
  5. 5. Der Leute Nahrung
    tbc



am August 30, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Interview

28. AUGUST 2018 SRF 2 Kultur kompakt. Interview mit Fragebogen und zu einem Feuilleton Artikel in der NZZ über die Geisteswissenschaften.

https://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/blick-in-die-feuilletons-mit-linard-bardill

Link zum Artikel:

https://www.nzz.ch/feuilleton/erzaehlen-heisst-leben-ld.1405108

 



Leserbrief zur GPK in Sachen BKM skandal 2017

am Juli 30, 2018 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Leserbriefe

Ausgabe vom 6. Juli
Zum Artikel «GPK-Bericht zum Kunstmuseum lässt viele Fragen offen»

Jetzt wissen wir es. Die Causa BKM/Kunz war nicht so toll, aber alles soweit o.k. Der Präsident Heinz und seine GPK haben bei ihrer Recherche ausser «nicht optimaler Kommunikation» nichts Gravierendes herausgefunden. Es wurden Regierungsrat Jäger und zwei Chefbeamte befragt, Riccardo Thöni vom Personalamt und Barbara Gabrielli vom Ekud. Dazu der Direktor des Museums Stefan Kunz. Keine Untersuchung des Mobbings im Museum durch Befragung des Personals, keine substanzielle Beurteilung der schlechtesten aller Lösungen in Form des Doppeldirektoriums Kunz/Seeberger, keine Untersuchung gegen den externen Berater (intern als Berufskiller gefürchteten) Peter Hinnen, dessen Vorschlag, Kunz zu degradieren, geradewegs zum bekannten Skandal geführt hat. Weiter gab es keine Untersuchung zum Regime Gabrielli, das durch Mobbing und Bossing die Voraussetzung des Desasters geschaffen hat.

In der Gewaltenteilung der Demokratie ist die GPK die Einrichtung, welche und die Regierung und damit die Verwaltung kontrollieren und in gravierenden Fällen ermahnen oder gar sanktionieren muss. Meiner Meinung nach ist dies völlig ungenügend und absolut oberflächlich geschehen. Die Glaubwürdigkeit der demokratischen Einrichtungen in Graubünden habt dadurch ein weiteres Mal Schaden genommen. Der Weg, im Sinne der Allianzen und Seilschaften, im Sinne einer Einheitspartei, die sich selber nie wirklich kontrollieren wird, ist weiterhin breit und wohl begangen. Unangenehme Wahrheiten werden am Publikum vorbeigeschwiegen. Ein Zeugnis nicht gelebter Demokratie!

Linard Bardill aus Scharans