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Diese Frage treibt mich um

am Februar 5, 2020 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Wenn wir etwas über die Welt oder uns selber sagen, sind wir immer darauf angewiesen, dass wir vereinfachen. Wollten wir die ganze Komplexität der Welt miteinbeziehen, wir kämen nicht zu einem einzigen Satz. Das liegt an der Sprache und an der Welt.

Wer möglichst viele Bezüge in seine Überlegungen einbeziehen will, wird schwer verstanden.

Wer handeln will, ohne grosses Erklären, schaut auf möglichst wenig Komplexität. Dem kann man funktionales oder praktisches Handeln sagen.

Der deutsche Philosoph, der antrat alle Werte umzuwerten, Friderich Nietzsche nennt das Total der Welt den Willen zur Macht.

Der Wille zur Macht fliesst durch alles, was wir als Welt erfahren.

Was wir als Moral ansehen ist der Versuch, diesen Willen zur Macht einzuengen, seiner Herr zu werden, ihn zu unterjochen. Die Starken, die Gewinner machen deshalb eine «Herrenmoral», die Verlierer eine Sklavenmoral.

Durch die Umwertung aller Werte wollte Nietzsche eine neue Moral schaffen.

«Nur der aristokratische Mensch, der selbstbewusst genug ist, sich selbst zu verherrlichen, sei wertschaffend. Der Herrenmensch denke in der Kategorie des oben und unten, der Hierarchie. Sein Maßstab sei gut und schlecht. Der Sklavenmensch hingegen, der ängstlich und skeptisch ist, folge dem Maßstab von Gut und Böse, weil er hierdurch ein Mittel sehe, seine Lage zu verbessern.»
Die Herrenmoral denkt in gut und schlecht. Die Sklavenmoral in Gut und Böse.

Wir sind heute in einer Zeit, in der Autokraten sich wieder zur Herrenmoral aufschwingen. Sie sind zu tiefst antidemokratisch, antimoralisch und antihistorisch. Wenn sie etwas als Böse bezeichnen, dann tun sie es nur, um die Sklaven davon zu überzeugen, dass ihr Tun gut ist. Sie sprechen von der Achse des Bösen und geben vor Gutes zu tun. Das Gute aber ist gut in ihrem Sinne: Praktisch, ihrem Willen zur Macht förderlich, Teil ihrer Herrenmoral.

Folgende Frage treibt mich um: Macht es Sinn das Schwache zu schützen? Macht es Sinn den Willen zur Macht in Form der Herrenmoral in die Schranken zu weisen. Macht es Sinn, der Erde ein Recht auf Respekt und Würde zuzugestehen, damit wir Menschen ebenso ein Recht auf Würde und Respekt formulieren können? Oder bleibt uns nichts anderes, als die Herrenmoral zu akzeptieren, müssen wirdie Menschen, Eliten, Autokraten das tun lassen, was sie als gut oder schlecht ansehen, ohne Widerspruch, ohne Widerstand?



Richtkräfte für unser Jahrhundert

am — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Was zeichnet Trumps Politik besonders aus:

Trump denkt nie moralisch oder historisch oder ideologisch. Er denkt immer rein pragmatisch. Was nützt? Wie kann ich meine Ziele erreichen? Er braucht dazu keine Ideologie, oder philosophische Überlegungen oder historischen Erkenntnis. 

Die Pragmatik gibt vor, jenseits von Gut und Böse zu agieren. Pragmatik heisst, was nützt meinem Geschäft, meinem Ziel, meiner Macht? Was nützt meiner Widerwahl. 

Und Trump hat Nachahmer. Oder anders: Der Zeitgeist, wenn es denn so etwas gibt, weht in seine Richtung: Bolsonaro, Erdogan, Orban, Chamenei, AfD, Le Pen, ich wüerde auch die SVP und christoph Blocher dazu zählen.

Der Pragmatismus führt dazu, dass ethische, völkerrechtliche, menschenrechtliche, ökologische etc Erkenntnisse und Errungenschaften keine Rolle spielen. Weil der Pragmatismus keine Bezüge schafft zur Geschichte, zur Moral, zu Vereinbarungen, die frühere generationen ausgehandelt haben. (ZB aus der erfahrung: Nie wieder Krieg, oder nie wieder einen Holocaust etc).

Jenseits von Gut und Böse (jener Titel von Nietzsches Werk über den Willen zur Macht) aber ist leider nur diesseits von Böse. 

Es kann nicht darum gehen, einfach auf Trump zu schiessen. Das macht ihn nur stärker. 

Es geht darum, Kultur wieder an die oberste Stelle zu setzen. Denn das Gute und das Schöne und das Wahre entsteht durch Kultur. 
Göbbels sagte einmal (sinngemäss): „Höre ich das Wort Kultur, greife ich zur Pistole.“ 
Die Gravitation zur Gier und zur Macht und zur Bereicherung und zur Präpotenz kann nur mit der Zerstörung von kulturellen Errungenschaften wie internationalen Verträge, Friedensabmachungen, Selbstbeschränkung der Stärkeren gegenüber den Schwachen, Institutionen gegen die Ausbeutung etc) erreicht werden. 

Diese sind aber schnell zerstört. Sie wieder aufzubauen kostet Generationen. Wer Lust auf Lektüre hat, dem empfehle ich Hannah Arend: die Banalität des Bösen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Eichmann_in_Jerusalem

Eichmann war ein 100% pragmatischer Schreibtischtäter. Nichts Böses an ihm. Aber auch keine Kultur, ausser der selbstlosen Pflicht des Untertanen, der keinesfalls seine Stimme als eine eigenständige versteht. 

Daher lohnt es sich, meiner Meinung nach, für den Menschen einzustehen und in der heutigen Situation für die Erde, oder besser noch für die Einheit des Menschen mit der Erde. 
Denn zur „neuen Kultur“ gehört die Erkenntnis:

Ich bin die Erde, die Erde ist ich. 

Dies Erkenntnis wird aus der Erfahrung geboren und genährt. Erfahrung des Lebens, des Lebendigseins. Jeder Atemzug, den wir wahr nehmen ist eine solche Erfahrung. Die Welt lebt und das Leben strebt zu anderem Leben hin.

Das ist unsere Aufgabe in dieser Zeit. Die Illusion und Falscheinschätzung unserer Stellung als Menschen in der Vorstellung von Krone der Schöpfung von so genannter Herrschaft über die Natur kann leicht durchschaut und durchbrochen werden. 

Es geht darum die Fraktale Natur/Kultur in den Schmelztiegel der Erfahrung der unio mystica zu bringen, was nichts anderes ist als die Einheitserfahrung einer Liebesbeziehung, die höchste Form von Kultur.



Kolumne So 19.12 Antigone und Quadroni

am Dezember 21, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne So 19.12 Antigone und Quadroni

Das Gesetz ist für den Menschen da

Linard Bardill*über das Edle im Menschen

Ein Herrscher tötet den Anstifter eines Aufstandes und erlässt ein Gesetz, dass jeder, der den Mann beerdigt, mit dem Tode bestraft wird. Die Schwester des Aufrührers beerdigt ihren Bruder und wird vom Tyrannen bei lebendigem Leibe eingemauert. Die Geschichte heisst «Antigone». Geschrieben hat sie der Theaterdichter Sophokles, uraufgeführt wurde sie 442 vor Christus in Athen. Sie begründet die abendländische Ethik.

Antigone ist die Schwester des Polynaikes, und sie erachtet das Gesetz ihres Herzens höher als das des Staates. Darum beerdigt sie ihren Bruder und wird dafür von Kreon, dem Vertreter des Staates, mit dem Tod bestraft. Mit diesem Theaterstück wurde die Frage, was der Mensch tun soll, neu gestellt und beantwortet. Der Mensch soll auf sein Herz hören, auf das innere Gesetz, das in ihm schlummert. Antigone steht für das individuelle Gesetz, das über dem Gesetz des Staates steht.

Das Vertrauen des Dichters in den Charakter seiner Heldin ist immens. Und er ist sich sicher, das Publikum ist auf seiner Seite. Denn im Grunde weiss jeder: Im Menschen schläft ein Gesetz, das über der Staatsräson steht. Man nennt es auch Gewissen, der Ort der Ethik, die über dem Staat und sogar über der Religion steht. «Alles Edle ist von stiller Natur und scheint zu schlafen, bis es durch Widerspruch geweckt und herausgefordert wird», sagt Goethe zu Eckermann im Gespräch über «Antigone».

Da gibt es einen Menschen, der plötzlich in einen Widerspruch hineinkommt. Er tut selbst Unrecht, bis er die Rechtfertigung, das Unrecht sei zum Überleben notwendig, als Lüge durchschaut. Was folgt, kann man nachlesen: Er deckt das Unrecht auf, und die Herrschenden rächen sich an ihm. Zwar können die Herrschendendurch juristische Tricks die Beweise einschwärzen lassen. Das Volk (im griechischen Theater: der Chor) aber weiss, wie die Herrschenden sich zusammentun, um die Faktenwahrheit, die Gerechtigkeit und das innere Gesetz dem Spott preiszugeben.

Adam Quadroni wurde von allen Beteiligten, Amtsarzt, Bezirksrichter, Kesb und Polizei, in einem mehr oder weniger orchestrierten Racheakt seines Berufes, seiner Familie und seiner Freiheit beraubt. Wer etwas anderes behauptet, weiss es nicht besser oder er lügt. Aber im Grunde wissen wir es alle. Denn wir wissen, wie Macht funktioniert und wie sich die Reichen und Mächtigen gegen ihre Enttarnung zur Wehr setzen.

Nun hat der demokratische Staat ein System der gegenseitigen Kontrolle erfunden. Dieses hat im vorliegenden Falle ein Stück weit funktioniert. Im Grossen Rat war man zu Recht stolz auf die Ergebnisse der PUK. Doch was die Regierung dann machte, war das reine Prinzip des Tyrannen Kreon. Man stelle sich vor, der zuständige Regierungsrat hätte gesagt: «Als Mensch bedauere ich, was Adam Quadroni geschehen ist. Ich entschuldige mich bei ihm, und ich werde mich dafür einsetzen, dass er Genugtuung erfährt.» Es wäre ein kleiner Satz für einen Menschen gewesen und ein grosser für die Gerechtigkeit. Es wäre wie eine Befreiung gewesen aus der Umklammerung durch die Staatsgewalt, die Erfüllung der Hoffnung, dass Antigone, dass das Gesetz des Herzens, dass ein Hauch von Ethik bis in die Politik vorgedrungen sei.

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern.



Kinderlieder

am Dezember 9, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Familienkonzert mit Bruno Brandenberger

in der Aargauer Zeitung



Offener Brief an Klaus Schwab vom WEF Kolumne SO 22.11.19

am November 22, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

offener Brief an Klaus Schwab

Linard Bardill

über das WEF und die Pressefreiheit

Sehr geehrter Herr Schwab,

Das WEF hat vor 3 Wochen der linken Wochenzeitung WOZ die AkZulassung zum WEF 2020 verweigert. Das ist bedauerlich.

Man hat die WOZ 2012 schon einmal nicht zugelassen. Damals gab das einen Sturm der Entrüstung, nicht nur im Bündner Grossen Rat, wo Mathias Trepp SP von der Bündner Regierung eine Intervention verlangte, sondern auch im Nationalrat, wo Alfred Heer (SVP) eine Anfrage beim Bundesrat einreichte. 2013 liess das WEF die WOZ wieder zu.

Das WEF ist eine internationale politische Plattform, inzwischen eine private Institution von hohem öffentlichem Interesse.

In der Schweiz gibt es ca 50 Tageszeitungen und ebensoviele Wochenzeitungen. Ausser der NZZ, der Weltwoche und der WOZ sind keine politisch links oder rechts oder einer sosnt einer Ideologie verpflichtet. Sie funktionieren nach dem Prinzip der Rentabilität, schreiben das, was geschrieben werden muss, um gekauft und gelesen zu werden.

 

Im Dokumentarfilm «Das Forum» von Marcus Vetter                 antworten sie auf die Frage, ob sie es bedauern, dass das WEF für viele zur reinen Geschäftssache geworden ist: «I regret and deplore», antworten sie, «Ich bedauere und beklage, weil das nicht die Essenz dessen darstellt, was wir beabsichtigen.»

 

Sie sind vor 49 Jahren mit einem Anspruch der Ethik angetreten: make world a better place. Glauben sie wirklich, dass sie den Zustand der Welt verbessern, wenn sie eine Zeitung ausschliessen, die nicht der Rentabilität, sondern ihrer politischen Überzeugung verpflichtet ist?

Ist nicht gerade der Rentabilitätszwang eines der Probleme, die unsere Welt zu einem schlechteren Ort werden lässt? Schätze ich sie falsch ein, wenn ich glaube, dass sie Demokratie und Pressefreiheit hochhalten? Kann es denn wirklich sein, dass sie News nach Wunsch oder gar eine Art der Hofberichterstattung den kritischen Stimmen vorziehen?

Ruth Cohn, die Erforscherin von Gruppenphänomenen sagte, wichtiger als das, was im Zentrum einer Gruppe geschehe, seien die Stimmen, die sich vom Rande her melden und gar stören. Die WOZ ist immer wieder eine solche Stimme.

Die Politiker von links bis rechts haben über die geschlossene Tür für die WOZ geschwiegen und die Schweizer Medien haben kaum darüber berichtet. Es gab keinen Aufschrei wie 2012. Ausser einem Kommentar von Frank A Mayer im Sonntagsblick herrschte Schweigen in Parlamenten und Redaktionen. Auch in dieser Zeitung.

Als Kolumnist darf ich einen solchen Brief an sie schreiben und die Frage nach der Pressefreiheit stellen.

Es gäbe aber noch ganz andere Fragen für diese Welt: Wie sieht die Lösung der sozialen Frage aus? Was sind die politischen und gesellschaftlichen Mittel, der Erde, zum einklagbaren Recht auf Würde und Respekt zu verhelfen? Gibt es Hoffnung ohne ein neues Finanz- und Wirtschaftssystem? Fragen, die an die Wurzeln der Ethik und des Systems gehen.

Das Überleben der Menschheit hängt an einem Faden, so stellt es sich immer mehr heraus. Stellt das WEF dazu die richtigen Fragen?

Wenn das WEF in eine Dynamik geraten ist, in der mehr über Geschäfte als über Ethik gesprochen wird, dann lassen sie wenigstens Menschen und Medien zu, die diese Fragen stellen. Es könnte überlebenswichtig sein für die Menschheit.

Ich bitte sie daher im Namen der 4. Gewalt, die WOZ nachträglich für das WEF 2020 zu akkreditieren

ich danke ihnen Linard Bardill

 



Die Insel in der Südostschweiz

am Oktober 31, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel,Insel

31.10.2019 in der Südostschweiz

 

  

Tina Ullmann Aargauer Zeitung

Charles Lindsmayer im Bielr Tagblatt

Von der Suche nach Erkenntnis

Im Gedichtband «Die Insel» erzählt Linard Bardill von einem berührenden Einweihungsweg im Spiegel von Sterben und Tod.

von Christian Ruch

Linard Bardill ist nicht nur ein Komponist und Sänger lustiger Kinderlieder. Der Künstler aus Scharans ist auch ein Mensch, der sich sehr intensiv mit den existenziellen Fragen des Daseins befasst, etwa den Themen Sterben und Tod. Am Wochenende vom 9. und 10. November bietet er eine Tagung mit dem Titel «Sterben für Anfänger oder die Kunst, am Leben zu bleiben» an, die sich dem gemeinsamen Nachdenken um das Werden, Sein und Vergehen widmet.

Und Bardill hat ein sehr beeindruckendes Werk veröffentlicht: «Die Insel», so der Titel, bietet einen «Zwölf Tage Gesang». Es ist scheinbar eine Art Vermächtnis, denn leitmotivisch ist am Anfang der Tage immer wieder die Rede davon, dass der Verfasser bereits verstorben ist, wenn jemand, den Bardill als «fernen Begleiter» bezeichnet, das Buch in Händen hält. Es ist also keine Zeit mehr für leeres, oberflächliches Geschwätz. Und so sind die Gedichte von einer aussergewöhnlichen, zarten Schönheit, wie sie nur jemand entstehen lassen kann, der sich mit dem Sterben auf die eindringlichste Weise, die überhaupt nur möglich ist, auseinandergesetzt hat. Um «Endlichkeit zu vernehmen, / sterben zu lernen, / darum kam ich hierher auf die Insel», schreibt Bardill.

Heitere Gelassenheit

Das Sterben hat seinen Schrecken verloren, mehr noch, es ist Quelle des Trostes. Bereits am ersten Tag heisst es: «Nichts ersehnen wir Menschen / mehr als Trost, / und mein Trost ist der Zuspruch, / dass wir sterblich sind. / Stelle ich mir vor, / es gäbe für mich keine Endlichkeit, / wie verzweifelt wäre ich, / der einzige und allein.» Solche Zeilen liegen völlig quer in einer Zeit der immer raffinierteren Lebensverlängerungsmaschinerie in den Spitälern. Doch Bardill kennt eine geradezu heitere Gelassenheit angesichts des unausweichlichen Gangs alles Lebendigen: «Was soll ich mich fürchten / vor dem Unentrinnbaren? / Alles ist gut. Nichts hält dich fest. / Wir sind gehalten.»

Diese Erkenntnis ist Teil eines quasi gnostischen Prozesses, den Bardill als «Rückeroberung meiner Aufmerksamkeit» bezeichnet und die das Motiv für die «Flucht auf die Insel» ist: «Wenn ich nur wüsste, was es bedeutet / aufzuwachen!» Bardill rezipiert die grossen Mythen der Menschheitsgeschichte, in denen es auch immer wieder um das Erwachen zur Erkenntnis geht. Das ist weit entfernt von der heutigen Wohlfühl- und Gebrauchsesoterik in Form marktgerechter Instant-Erleuchtung für Spiritualitätskonsumenten, sondern ein mitunter harter und schmerzhafter Einweihungsweg, eine Initiation zum Wach-Sein in Gestalt des Ringens mit sich selbst: «Schrecken und Zerstörung? / Geh durch sie hindurch, / sagt die Erfahrung, / durch die Hölle, wenn sie deine ist. / Doch fremde Höllen meide, / du kannst sie nicht ertragen.»

Man kann Bardill nur wünschen, dass dieser wunderbar intime Einweihungsweg der zwölf Tage auf der Insel eine Spur legt, der möglichst viele zu folgen bereit sind. Dass möglichst viele den Mut haben, in diesen Spiegel zu blicken, der Erkenntnis heisst.

Linard Bardill: «Die Insel – Wirf dich den Wolken zum Frass vor». Verlag Drachäleon / Sound Service. 132 Seiten. 24.90 Franken. Das Buch erscheint am 14. November.

Von der Suche nach Erkenntnis

Im Gedichtband «Die Insel» erzählt Linard Bardill von einem berührenden Einweihungsweg im Spiegel von Sterben und Tod.

von Christian Ruch

Linard Bardill ist nicht nur ein Komponist und Sänger lustiger Kinderlieder. Der Künstler aus Scharans ist auch ein Mensch, der sich sehr intensiv mit den existenziellen Fragen des Daseins befasst, etwa den Themen Sterben und Tod. Am Wochenende vom 9. und 10. November bietet er eine Tagung mit dem Titel «Sterben für Anfänger oder die Kunst, am Leben zu bleiben» an, die sich dem gemeinsamen Nachdenken um das Werden, Sein und Vergehen widmet.

Und Bardill hat ein sehr beeindruckendes Werk veröffentlicht: «Die Insel», so der Titel, bietet einen «Zwölf Tage Gesang». Es ist scheinbar eine Art Vermächtnis, denn leitmotivisch ist am Anfang der Tage immer wieder die Rede davon, dass der Verfasser bereits verstorben ist, wenn jemand, den Bardill als «fernen Begleiter» bezeichnet, das Buch in Händen hält. Es ist also keine Zeit mehr für leeres, oberflächliches Geschwätz. Und so sind die Gedichte von einer aussergewöhnlichen, zarten Schönheit, wie sie nur jemand entstehen lassen kann, der sich mit dem Sterben auf die eindringlichste Weise, die überhaupt nur möglich ist, auseinandergesetzt hat. Um «Endlichkeit zu vernehmen, / sterben zu lernen, / darum kam ich hierher auf die Insel», schreibt Bardill.

Heitere Gelassenheit

Das Sterben hat seinen Schrecken verloren, mehr noch, es ist Quelle des Trostes. Bereits am ersten Tag heisst es: «Nichts ersehnen wir Menschen / mehr als Trost, / und mein Trost ist der Zuspruch, / dass wir sterblich sind. / Stelle ich mir vor, / es gäbe für mich keine Endlichkeit, / wie verzweifelt wäre ich, / der einzige und allein.» Solche Zeilen liegen völlig quer in einer Zeit der immer raffinierteren Lebensverlängerungsmaschinerie in den Spitälern. Doch Bardill kennt eine geradezu heitere Gelassenheit angesichts des unausweichlichen Gangs alles Lebendigen: «Was soll ich mich fürchten / vor dem Unentrinnbaren? / Alles ist gut. Nichts hält dich fest. / Wir sind gehalten.»

Diese Erkenntnis ist Teil eines quasi gnostischen Prozesses, den Bardill als «Rückeroberung meiner Aufmerksamkeit» bezeichnet und die das Motiv für die «Flucht auf die Insel» ist: «Wenn ich nur wüsste, was es bedeutet / aufzuwachen!» Bardill rezipiert die grossen Mythen der Menschheitsgeschichte, in denen es auch immer wieder um das Erwachen zur Erkenntnis geht. Das ist weit entfernt von der heutigen Wohlfühl- und Gebrauchsesoterik in Form marktgerechter Instant-Erleuchtung für Spiritualitätskonsumenten, sondern ein mitunter harter und schmerzhafter Einweihungsweg, eine Initiation zum Wach-Sein in Gestalt des Ringens mit sich selbst: «Schrecken und Zerstörung? / Geh durch sie hindurch, / sagt die Erfahrung, / durch die Hölle, wenn sie deine ist. / Doch fremde Höllen meide, / du kannst sie nicht ertragen.»

Man kann Bardill nur wünschen, dass dieser wunderbar intime Einweihungsweg der zwölf Tage auf der Insel eine Spur legt, der möglichst viele zu folgen bereit sind. Dass möglichst viele den Mut haben, in diesen Spiegel zu blicken, der Erkenntnis heisst.

Linard Bardill: «Die Insel – Wirf dich den Wolken zum Frass vor». Verlag Drachäleon / Sound Service. 132 Seiten. 24.90 Franken. Das Buch erscheint am 14. November.



Kolumne Was Heinz Brand mit Handke zu tun aht

am Oktober 27, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Was Heinz Brand mit Handke zu tun hat

Linard Bardill*über den Aufschrei nach dem Literaturnobelpreis ///

Handke hat den Nobelpreis bekommen. Alle finden Handke einen grossartigen Schriftsteller. Und gute Literatur altert nicht! Aber politisch? Der hat sich doch für die Serben eingesetzt. Und die Serben sind böse, oder? So stand es wenigstens in den Neunzigerjahren in allen Zeitungen, und wir haben es geglaubt und heute glauben wir, es zu wissen. Die Serben haben Sarajewo bombardiert, und dann musste die Nato den Kosovo retten, da sind und waren sich alle einig, vom Fernsehen bis zu den europäischen Regierungen:

Die Serben sind alles verkappte Kommunisten. Milosevic ein Kriegsverbrecher und musste darum mit Uranmunition zu Boden gebombt werden. Völkerrechtswidrig, wie Gerhard Schröder 2014 zu Protokoll gab, aber gründlich. Vom Balkan hatte eh kaum jemand eine Ahnung, man war froh, die Bösen zu kennen.

Und da kam dieser Handke und setzte sich für die Serben ein, für eine differenziertere Betrachtung des Konflikts. Er schrieb ein Theaterstück, «Die Fahrt im Einbaum», über den Medienkrieg gegen die Geschichte und gegen die Wahrheit. Handke sagte, man könne den Balkan nur verstehen, wenn man seine Geschichte zur Kenntnis nehme. Zum Beispiel 600 Jahre türkische Herrschaft, 700 000 von den kroatischen Faschisten und der SS im Konzentrationslager Jasenovac ermordete Serben. Handke wollte verstehen, statt zu verurteilen, und er wollte versöhnen.

Als Kohl und Genscher und die EWG nach einer Hetzkampagne der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» 1991 Kroatien als unabhängigen Staat anerkannten, brach das serbische Trauma auf. Die Deutschen anerkennen Kroatien. Da war an eine diplomatische Lösung nicht mehr zu denken. Ein bewaffneter Konflikt brach aus, der dann im Kosovokrieg mündete.

Die Amerikaner und Europäer bombten Belgrad und Teile Serbiens – mit verbrecherischem Einsatz von Uranmunition – und stellten Mladic, den Schlächter von Srebrenica, der zweifellos ein Kriegsverbrecher war, und Milosevic vor das Haager Tribunal. Milosevic starb vor seiner Verurteilung. Das Gericht hatte ihm keine Schuld an Kriegsverbrechen nachweisen können.

Handke hielt an Milosevics Grab eine Rede. Die Journalisten schrien auf, wie sie jetzt aufschreien bei der Verleihung des Literaturnobelpreises für einen der letzten intellektuellen Schriftsteller Mitteleuropas und für einen Menschen, der sich als einer der wenigen nicht auf Kriegshetze, sondern auf die Fragilität der Wahrheit und der Geschichte der Menschen in einer zerrissenen Region unseres Kontinents eingesetzt hat.

Was das mit Graubünden zu tun hat? Stellen sie sich vor, Wolfram Frank bekäme von der kantonalen Kulturkommission den Kulturpreis für sein Lebenswerk. Der Aufschrei wäre perfekt: Der hat doch dem damaligen Fremdenpolizeichef – dem heute abgewählten SVP-Nationalrat Brand – das Fenster mit einem Stein eingeworfen! Und der Stadtpräsidentin ein Glas Wein über den Kopf geleert. Alle würden sie zetern und mordioten, weil alle meinen, Frank zu kennen und die Wahrheit und was sich gehört und überhaupt. Keine Angst, es wird nicht passieren. Politik, Verwaltung und Presse haben ihn zum Schweigen gebracht.

Übrigens: Wolfram Frank hat damals mit seinem Buch: «Jelenas Geschichte» nicht ohne Beachtung präziser noch als Handke um Verständnis für Serbien und den Balkan geworben. Gute Literatur altert nicht!

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern.



Kei Wort gega d’Martullo So Kolumne Sep 19

am September 30, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

«Kei Wort gega d’Martullo»

So Kolumne Sept 2019

Linard Bardill*über Waheln und die Demokratie

Als ich am vergangenen Sonntag in der Bahnunterführung meiner 84-jährigen, besten Gotte begegnete, erhob sie sogleich den Zeigefinger und senkte folgende Worte in meine Seele: «Kei Wort gega d’Martullo!» Auch ich erhob meinen Zeigefinger und zeigte auf mich: «Ich? Niemals würde ich gegen Martullo schreiben, ich will ja nicht, dass sie gewählt wird.» Diesen dialektischen Kniff verstand meine Gotte nicht sofort. «Wenn ich etwas gegen Martullo schreibe», ergänzte ich darum, «bedeutet das nur, dass sie mehr Stimmen bekommt!» Meine Gotte lächelte erst verschmitzt, dann etwas sauer. «Mit dier kamme über so Züg nid reda!», meinte sie dann und zog fröhlich von dannen. Ja, das ist Demokratie, sagte ich mir. Alle haben eine Stimme, die Grossen und die Kleinen, die Dicken und die Dünnen, die Gescheiten und die noch Gescheiteren. Und darum gibt es einen gerechten Ausgleich, einen Schnitt, einen Volksquerschnitt.

Ein Beispiel: 42 Prozent der SVP-Wähler kommen aus den unteren Einkommensklassen, das heisst, sie sind eher arm bis sehr arm und dies, obwohl die SVP die Partei für die Millionäre ist. Die SVP hat in der letzten Legislaturperiode Kinderrenten in der AHV/IV um 25 Prozent kürzen wollen. Das stellte besonders Eltern mit Behinderungen vor existenzbedrohende finanzielle Probleme. Die SVP stoppte Krippenfinanzierungen. Sie lehnte die Gleichstellung ab, weil «wir die Unterschiede zwischen Mann und Frau mögen». Schweizer Rentner sollten nicht nur weniger Geld erhalten, sondern auch länger arbeiten. «Der beste Mieterschutz wäre die Abschaffung des Mietrechts», sagen ihre Vertreter in Bern. Zudem bemühten sie sich, möglichst vielen Bezügern die EL zu kürzen oder zu streichen.

Dies alles mit der Lüge, dass sonst die Asylbewerber zu viel Sozialgelder kassieren. Ihre Vertreter drehten die Sache noch ins Absurde und kämpften dafür, dass Schweizer nicht mehr Geld als Asylanten bekommen. Fünf Franken fürs Essen pro Tag müssen reichen. Für Schweizer, bitte sehr! Dafür setzten sie sich für das Recht der Steuerflüchtlinge und die Steuerbefreiung der Konzerne ein. Ihre Nationalhymnen singenden Oligarchen benutzen die EU als Steuerparadies, und sie lügen eine AHV-Pleite herbei.

Um ehrlich zu sein, ihre Bundesgenossen aus der FDP sitzen im gleichen Boot. Nicht so laut, eher etwas «hinne umme», aber ebenso wirksam. Sie haben neulich die Klima-Segel gehisst, zwar sind es nur Pseudo-Segeli, aber Frau Gössi weiss, wie das geht.

Die SVP aber ist fadegrad, und das mag man so an ihr: Sie verleugnet den Klimawandel und holt sich ihre Stimmen von denen, die am meisten unter der Klimaveränderung leiden werden. Denn die SVP weiss, wie die Demokratie funktioniert, oder das, was von ihr übrig ist: treten gegen die Schwächeren, die Sozialbezüger, die bewegten Jugendlichen. Dann noch schnell den Arbeiterschutz aushöhlen und den Arbeitern beibringen, dass es wegen den Asylanten und der EU ist. Das bringt Stimmen.

Ich hoffe natürlich, dass möglichst wenige diese Kolumne lesen. Denn auch sie wird nur dazu beitragen, dass noch mehr die SVP wählen, und last but not least: Sie wird die Lust vermehren, gemeinsam mit Roger Köppel, Greta Thunberg auf den Mond schiessen zu wollen.

Ich liebe meine Gotte, sie hat uns als Kinder endlos Witze erzählt, und das werde ich ihr nie vergessen. Und darum habe ich auch kein Wort gegen Frau Martullo geschrieben.



am September 4, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne 2019

Scharanser Zwischenrufe

sperrige Pfarrer

Linard Bardill über Gott und sein Bodenpersonal

Seit Friederich Nietzsche, Sohn aus evangelischem Pfarrhaus, seinen Text vom tollen Menschen geschrieben hat, der am hell lauteren Tage mit einer Lampe Gott suchte und nicht fand und darum in der Kirche das Requiem aeternum deum (Totenmesse für einen ewigen Gott) anstimmte, hat es insbesondere die protestantische Kirche nicht leicht. Die gebildeten, aufgeklärten Zeitgenossen verlassen und meiden die Gotteshäuser in Scharen, die Rechtgläubigen laufen Alternativen nach und die Pfarrherren ringen in Wort und Form um die Moderne, was sich zuweilen als Unterfangen vor leeren Bänken erweist.
«Wer Theologie studiert, verlässt die Universität als Ungläubiger», hatte mir ein frommer alter Mann prophezeit und er hatte auf seine Art Recht. Ich konnte nach dem Studium nicht mehr so glauben, wie vorher. Die Aufklärung, historisch kritische Bibelexegese, die Philosophie hatten ihre Krallen in den alten Glauben geschlagen und von einem neuen hatte ich im Studium kaum erfahren.

Die Kraft des Evangeliums schien mir aus der Institution und dem Theologieseminar herausgeflossen zu sein, wie das Blut eines sterbenden Kömpfers.

Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts um Evolution, Atheismus, Kommunismus und Materialismus war für die Kirche verloren. Die Pfarrer waren in progressive und rechte gespalten, dazwischen eine kleine Fraktion, die Gott in den Menschen verlegten und versuchten, sein Reich in Form von Kampf um eine Ethik der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen.

Die meisten Kirchgänger aber gingen an den Konsum und das Recht auf persönliches Glück verloren.

Nach den Weltkriegen, die man auch als Folge dieser fundamentalen geistigen Umwälzung sehen kann, wurde dieser persuit of happyness (das Recht auf Glück) immer zentraler. Die Sinnleere und die geistige Orientierungslosigkeit wurde mit Gütern gefüllt, Gütern die keinen geistig oder seelischen Wert hatten und keinen Sinn schaffen konnten. Ohne Sinn kann der Mensch nur in der ständigen Betäubung existieren.

Da wäre für die Kirche ein immenses Feld. Doch die Kirche hat sich – wohl seit Luther schon – immer weiter von den Menschen und ihrer eigenen Quelle entfernt. Wie soll ein ungläubiger Pfarrer den Glauben verkünden.? Wie soll eine Institution, die mit dem Staat und dem Reichtum verbandelt ist, die Seite der Armen, der Menschen auf der Flucht, derer ohne Rechte vertreten? Wie soll ein völlig individualisierter Glaube Gemeinschaft hervorbringen?

Es mangelt an allem.

So treibt der Siegeszug einer mechanistischen Aufklärung, die weder Freiheit noch Bestimmung, oder Schicksal kennt, der Verlass auf eine verinstitutionalisierte Fürsorge, die nicht erkannten Übermacht einer sich immer mehr verselbständigenden Technik  und das Vorgaukeln einer Demokratie, die nur noch im Ansatz einer Demokratie entspricht die Menschen immer mehr in die Lethargie, Agonie und Hoffnungslosigkeit.

Es wäre eine gute Zeit für die Kirche. Die Schnitter hätten ein reiches Feld zur Ernte. Warum schweigen sie? Was bräuchten sie? Welcher Messias wird erwartet, der mit ihrem Geschick das Geschick der Menschheit wendet, oder wenigstens, dasjenige ihrer kleinen und grösseren Gemeinden. Wo wird das Reich Gottes sichtbar, von dem Jesus der Nazarener sprach, dass es mitten unter uns sei?

 

 



Wer ist hier eigentlich behindert?

am August 26, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel,Der Kleine Buddha

Im Sonntagsblick eine schöne Seite Platz zum Reflektieren, ob die Behinderten behindert heissen, weil wir sie behindern?

https://www.blick.ch/people-tv/gastkommentar-behindert-id15471090.html