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am November 13, 2019 — in der Rubrik: Zauberbett



Die Insel in der Südostschweiz

am Oktober 31, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel,Insel

31.10.2019 in der Südostschweiz

Von der Suche nach Erkenntnis

Im Gedichtband «Die Insel» erzählt Linard Bardill von einem berührenden Einweihungsweg im Spiegel von Sterben und Tod.

von Christian Ruch

Linard Bardill ist nicht nur ein Komponist und Sänger lustiger Kinderlieder. Der Künstler aus Scharans ist auch ein Mensch, der sich sehr intensiv mit den existenziellen Fragen des Daseins befasst, etwa den Themen Sterben und Tod. Am Wochenende vom 9. und 10. November bietet er eine Tagung mit dem Titel «Sterben für Anfänger oder die Kunst, am Leben zu bleiben» an, die sich dem gemeinsamen Nachdenken um das Werden, Sein und Vergehen widmet.

Und Bardill hat ein sehr beeindruckendes Werk veröffentlicht: «Die Insel», so der Titel, bietet einen «Zwölf Tage Gesang». Es ist scheinbar eine Art Vermächtnis, denn leitmotivisch ist am Anfang der Tage immer wieder die Rede davon, dass der Verfasser bereits verstorben ist, wenn jemand, den Bardill als «fernen Begleiter» bezeichnet, das Buch in Händen hält. Es ist also keine Zeit mehr für leeres, oberflächliches Geschwätz. Und so sind die Gedichte von einer aussergewöhnlichen, zarten Schönheit, wie sie nur jemand entstehen lassen kann, der sich mit dem Sterben auf die eindringlichste Weise, die überhaupt nur möglich ist, auseinandergesetzt hat. Um «Endlichkeit zu vernehmen, / sterben zu lernen, / darum kam ich hierher auf die Insel», schreibt Bardill.

Heitere Gelassenheit

Das Sterben hat seinen Schrecken verloren, mehr noch, es ist Quelle des Trostes. Bereits am ersten Tag heisst es: «Nichts ersehnen wir Menschen / mehr als Trost, / und mein Trost ist der Zuspruch, / dass wir sterblich sind. / Stelle ich mir vor, / es gäbe für mich keine Endlichkeit, / wie verzweifelt wäre ich, / der einzige und allein.» Solche Zeilen liegen völlig quer in einer Zeit der immer raffinierteren Lebensverlängerungsmaschinerie in den Spitälern. Doch Bardill kennt eine geradezu heitere Gelassenheit angesichts des unausweichlichen Gangs alles Lebendigen: «Was soll ich mich fürchten / vor dem Unentrinnbaren? / Alles ist gut. Nichts hält dich fest. / Wir sind gehalten.»

Diese Erkenntnis ist Teil eines quasi gnostischen Prozesses, den Bardill als «Rückeroberung meiner Aufmerksamkeit» bezeichnet und die das Motiv für die «Flucht auf die Insel» ist: «Wenn ich nur wüsste, was es bedeutet / aufzuwachen!» Bardill rezipiert die grossen Mythen der Menschheitsgeschichte, in denen es auch immer wieder um das Erwachen zur Erkenntnis geht. Das ist weit entfernt von der heutigen Wohlfühl- und Gebrauchsesoterik in Form marktgerechter Instant-Erleuchtung für Spiritualitätskonsumenten, sondern ein mitunter harter und schmerzhafter Einweihungsweg, eine Initiation zum Wach-Sein in Gestalt des Ringens mit sich selbst: «Schrecken und Zerstörung? / Geh durch sie hindurch, / sagt die Erfahrung, / durch die Hölle, wenn sie deine ist. / Doch fremde Höllen meide, / du kannst sie nicht ertragen.»

Man kann Bardill nur wünschen, dass dieser wunderbar intime Einweihungsweg der zwölf Tage auf der Insel eine Spur legt, der möglichst viele zu folgen bereit sind. Dass möglichst viele den Mut haben, in diesen Spiegel zu blicken, der Erkenntnis heisst.

Linard Bardill: «Die Insel – Wirf dich den Wolken zum Frass vor». Verlag Drachäleon / Sound Service. 132 Seiten. 24.90 Franken. Das Buch erscheint am 14. November.

Von der Suche nach Erkenntnis

Im Gedichtband «Die Insel» erzählt Linard Bardill von einem berührenden Einweihungsweg im Spiegel von Sterben und Tod.

von Christian Ruch

Linard Bardill ist nicht nur ein Komponist und Sänger lustiger Kinderlieder. Der Künstler aus Scharans ist auch ein Mensch, der sich sehr intensiv mit den existenziellen Fragen des Daseins befasst, etwa den Themen Sterben und Tod. Am Wochenende vom 9. und 10. November bietet er eine Tagung mit dem Titel «Sterben für Anfänger oder die Kunst, am Leben zu bleiben» an, die sich dem gemeinsamen Nachdenken um das Werden, Sein und Vergehen widmet.

Und Bardill hat ein sehr beeindruckendes Werk veröffentlicht: «Die Insel», so der Titel, bietet einen «Zwölf Tage Gesang». Es ist scheinbar eine Art Vermächtnis, denn leitmotivisch ist am Anfang der Tage immer wieder die Rede davon, dass der Verfasser bereits verstorben ist, wenn jemand, den Bardill als «fernen Begleiter» bezeichnet, das Buch in Händen hält. Es ist also keine Zeit mehr für leeres, oberflächliches Geschwätz. Und so sind die Gedichte von einer aussergewöhnlichen, zarten Schönheit, wie sie nur jemand entstehen lassen kann, der sich mit dem Sterben auf die eindringlichste Weise, die überhaupt nur möglich ist, auseinandergesetzt hat. Um «Endlichkeit zu vernehmen, / sterben zu lernen, / darum kam ich hierher auf die Insel», schreibt Bardill.

Heitere Gelassenheit

Das Sterben hat seinen Schrecken verloren, mehr noch, es ist Quelle des Trostes. Bereits am ersten Tag heisst es: «Nichts ersehnen wir Menschen / mehr als Trost, / und mein Trost ist der Zuspruch, / dass wir sterblich sind. / Stelle ich mir vor, / es gäbe für mich keine Endlichkeit, / wie verzweifelt wäre ich, / der einzige und allein.» Solche Zeilen liegen völlig quer in einer Zeit der immer raffinierteren Lebensverlängerungsmaschinerie in den Spitälern. Doch Bardill kennt eine geradezu heitere Gelassenheit angesichts des unausweichlichen Gangs alles Lebendigen: «Was soll ich mich fürchten / vor dem Unentrinnbaren? / Alles ist gut. Nichts hält dich fest. / Wir sind gehalten.»

Diese Erkenntnis ist Teil eines quasi gnostischen Prozesses, den Bardill als «Rückeroberung meiner Aufmerksamkeit» bezeichnet und die das Motiv für die «Flucht auf die Insel» ist: «Wenn ich nur wüsste, was es bedeutet / aufzuwachen!» Bardill rezipiert die grossen Mythen der Menschheitsgeschichte, in denen es auch immer wieder um das Erwachen zur Erkenntnis geht. Das ist weit entfernt von der heutigen Wohlfühl- und Gebrauchsesoterik in Form marktgerechter Instant-Erleuchtung für Spiritualitätskonsumenten, sondern ein mitunter harter und schmerzhafter Einweihungsweg, eine Initiation zum Wach-Sein in Gestalt des Ringens mit sich selbst: «Schrecken und Zerstörung? / Geh durch sie hindurch, / sagt die Erfahrung, / durch die Hölle, wenn sie deine ist. / Doch fremde Höllen meide, / du kannst sie nicht ertragen.»

Man kann Bardill nur wünschen, dass dieser wunderbar intime Einweihungsweg der zwölf Tage auf der Insel eine Spur legt, der möglichst viele zu folgen bereit sind. Dass möglichst viele den Mut haben, in diesen Spiegel zu blicken, der Erkenntnis heisst.

Linard Bardill: «Die Insel – Wirf dich den Wolken zum Frass vor». Verlag Drachäleon / Sound Service. 132 Seiten. 24.90 Franken. Das Buch erscheint am 14. November.



Kolumne Was Heinz Brand mit Handke zu tun aht

am Oktober 27, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Was Heinz Brand mit Handke zu tun hat

Linard Bardill*über den Aufschrei nach dem Literaturnobelpreis ///

Handke hat den Nobelpreis bekommen. Alle finden Handke einen grossartigen Schriftsteller. Und gute Literatur altert nicht! Aber politisch? Der hat sich doch für die Serben eingesetzt. Und die Serben sind böse, oder? So stand es wenigstens in den Neunzigerjahren in allen Zeitungen, und wir haben es geglaubt und heute glauben wir, es zu wissen. Die Serben haben Sarajewo bombardiert, und dann musste die Nato den Kosovo retten, da sind und waren sich alle einig, vom Fernsehen bis zu den europäischen Regierungen:

Die Serben sind alles verkappte Kommunisten. Milosevic ein Kriegsverbrecher und musste darum mit Uranmunition zu Boden gebombt werden. Völkerrechtswidrig, wie Gerhard Schröder 2014 zu Protokoll gab, aber gründlich. Vom Balkan hatte eh kaum jemand eine Ahnung, man war froh, die Bösen zu kennen.

Und da kam dieser Handke und setzte sich für die Serben ein, für eine differenziertere Betrachtung des Konflikts. Er schrieb ein Theaterstück, «Die Fahrt im Einbaum», über den Medienkrieg gegen die Geschichte und gegen die Wahrheit. Handke sagte, man könne den Balkan nur verstehen, wenn man seine Geschichte zur Kenntnis nehme. Zum Beispiel 600 Jahre türkische Herrschaft, 700 000 von den kroatischen Faschisten und der SS im Konzentrationslager Jasenovac ermordete Serben. Handke wollte verstehen, statt zu verurteilen, und er wollte versöhnen.

Als Kohl und Genscher und die EWG nach einer Hetzkampagne der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» 1991 Kroatien als unabhängigen Staat anerkannten, brach das serbische Trauma auf. Die Deutschen anerkennen Kroatien. Da war an eine diplomatische Lösung nicht mehr zu denken. Ein bewaffneter Konflikt brach aus, der dann im Kosovokrieg mündete.

Die Amerikaner und Europäer bombten Belgrad und Teile Serbiens – mit verbrecherischem Einsatz von Uranmunition – und stellten Mladic, den Schlächter von Srebrenica, der zweifellos ein Kriegsverbrecher war, und Milosevic vor das Haager Tribunal. Milosevic starb vor seiner Verurteilung. Das Gericht hatte ihm keine Schuld an Kriegsverbrechen nachweisen können.

Handke hielt an Milosevics Grab eine Rede. Die Journalisten schrien auf, wie sie jetzt aufschreien bei der Verleihung des Literaturnobelpreises für einen der letzten intellektuellen Schriftsteller Mitteleuropas und für einen Menschen, der sich als einer der wenigen nicht auf Kriegshetze, sondern auf die Fragilität der Wahrheit und der Geschichte der Menschen in einer zerrissenen Region unseres Kontinents eingesetzt hat.

Was das mit Graubünden zu tun hat? Stellen sie sich vor, Wolfram Frank bekäme von der kantonalen Kulturkommission den Kulturpreis für sein Lebenswerk. Der Aufschrei wäre perfekt: Der hat doch dem damaligen Fremdenpolizeichef – dem heute abgewählten SVP-Nationalrat Brand – das Fenster mit einem Stein eingeworfen! Und der Stadtpräsidentin ein Glas Wein über den Kopf geleert. Alle würden sie zetern und mordioten, weil alle meinen, Frank zu kennen und die Wahrheit und was sich gehört und überhaupt. Keine Angst, es wird nicht passieren. Politik, Verwaltung und Presse haben ihn zum Schweigen gebracht.

Übrigens: Wolfram Frank hat damals mit seinem Buch: «Jelenas Geschichte» nicht ohne Beachtung präziser noch als Handke um Verständnis für Serbien und den Balkan geworben. Gute Literatur altert nicht!

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern.



Kei Wort gega d’Martullo So Kolumne Sep 19

am September 30, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

«Kei Wort gega d’Martullo»

So Kolumne Sept 2019

Linard Bardill*über Waheln und die Demokratie

Als ich am vergangenen Sonntag in der Bahnunterführung meiner 84-jährigen, besten Gotte begegnete, erhob sie sogleich den Zeigefinger und senkte folgende Worte in meine Seele: «Kei Wort gega d’Martullo!» Auch ich erhob meinen Zeigefinger und zeigte auf mich: «Ich? Niemals würde ich gegen Martullo schreiben, ich will ja nicht, dass sie gewählt wird.» Diesen dialektischen Kniff verstand meine Gotte nicht sofort. «Wenn ich etwas gegen Martullo schreibe», ergänzte ich darum, «bedeutet das nur, dass sie mehr Stimmen bekommt!» Meine Gotte lächelte erst verschmitzt, dann etwas sauer. «Mit dier kamme über so Züg nid reda!», meinte sie dann und zog fröhlich von dannen. Ja, das ist Demokratie, sagte ich mir. Alle haben eine Stimme, die Grossen und die Kleinen, die Dicken und die Dünnen, die Gescheiten und die noch Gescheiteren. Und darum gibt es einen gerechten Ausgleich, einen Schnitt, einen Volksquerschnitt.

Ein Beispiel: 42 Prozent der SVP-Wähler kommen aus den unteren Einkommensklassen, das heisst, sie sind eher arm bis sehr arm und dies, obwohl die SVP die Partei für die Millionäre ist. Die SVP hat in der letzten Legislaturperiode Kinderrenten in der AHV/IV um 25 Prozent kürzen wollen. Das stellte besonders Eltern mit Behinderungen vor existenzbedrohende finanzielle Probleme. Die SVP stoppte Krippenfinanzierungen. Sie lehnte die Gleichstellung ab, weil «wir die Unterschiede zwischen Mann und Frau mögen». Schweizer Rentner sollten nicht nur weniger Geld erhalten, sondern auch länger arbeiten. «Der beste Mieterschutz wäre die Abschaffung des Mietrechts», sagen ihre Vertreter in Bern. Zudem bemühten sie sich, möglichst vielen Bezügern die EL zu kürzen oder zu streichen.

Dies alles mit der Lüge, dass sonst die Asylbewerber zu viel Sozialgelder kassieren. Ihre Vertreter drehten die Sache noch ins Absurde und kämpften dafür, dass Schweizer nicht mehr Geld als Asylanten bekommen. Fünf Franken fürs Essen pro Tag müssen reichen. Für Schweizer, bitte sehr! Dafür setzten sie sich für das Recht der Steuerflüchtlinge und die Steuerbefreiung der Konzerne ein. Ihre Nationalhymnen singenden Oligarchen benutzen die EU als Steuerparadies, und sie lügen eine AHV-Pleite herbei.

Um ehrlich zu sein, ihre Bundesgenossen aus der FDP sitzen im gleichen Boot. Nicht so laut, eher etwas «hinne umme», aber ebenso wirksam. Sie haben neulich die Klima-Segel gehisst, zwar sind es nur Pseudo-Segeli, aber Frau Gössi weiss, wie das geht.

Die SVP aber ist fadegrad, und das mag man so an ihr: Sie verleugnet den Klimawandel und holt sich ihre Stimmen von denen, die am meisten unter der Klimaveränderung leiden werden. Denn die SVP weiss, wie die Demokratie funktioniert, oder das, was von ihr übrig ist: treten gegen die Schwächeren, die Sozialbezüger, die bewegten Jugendlichen. Dann noch schnell den Arbeiterschutz aushöhlen und den Arbeitern beibringen, dass es wegen den Asylanten und der EU ist. Das bringt Stimmen.

Ich hoffe natürlich, dass möglichst wenige diese Kolumne lesen. Denn auch sie wird nur dazu beitragen, dass noch mehr die SVP wählen, und last but not least: Sie wird die Lust vermehren, gemeinsam mit Roger Köppel, Greta Thunberg auf den Mond schiessen zu wollen.

Ich liebe meine Gotte, sie hat uns als Kinder endlos Witze erzählt, und das werde ich ihr nie vergessen. Und darum habe ich auch kein Wort gegen Frau Martullo geschrieben.



https://www.bleiche.ch/resort/bleiche-sessions/pippo-pollina-linard-bardill.aspx

am September 11, 2019 — in der Rubrik: Zauberbett



am September 4, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne 2019

Scharanser Zwischenrufe

sperrige Pfarrer

Linard Bardill über Gott und sein Bodenpersonal

Seit Friederich Nietzsche, Sohn aus evangelischem Pfarrhaus, seinen Text vom tollen Menschen geschrieben hat, der am hell lauteren Tage mit einer Lampe Gott suchte und nicht fand und darum in der Kirche das Requiem aeternum deum (Totenmesse für einen ewigen Gott) anstimmte, hat es insbesondere die protestantische Kirche nicht leicht. Die gebildeten, aufgeklärten Zeitgenossen verlassen und meiden die Gotteshäuser in Scharen, die Rechtgläubigen laufen Alternativen nach und die Pfarrherren ringen in Wort und Form um die Moderne, was sich zuweilen als Unterfangen vor leeren Bänken erweist.
«Wer Theologie studiert, verlässt die Universität als Ungläubiger», hatte mir ein frommer alter Mann prophezeit und er hatte auf seine Art Recht. Ich konnte nach dem Studium nicht mehr so glauben, wie vorher. Die Aufklärung, historisch kritische Bibelexegese, die Philosophie hatten ihre Krallen in den alten Glauben geschlagen und von einem neuen hatte ich im Studium kaum erfahren.

Die Kraft des Evangeliums schien mir aus der Institution und dem Theologieseminar herausgeflossen zu sein, wie das Blut eines sterbenden Kömpfers.

Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts um Evolution, Atheismus, Kommunismus und Materialismus war für die Kirche verloren. Die Pfarrer waren in progressive und rechte gespalten, dazwischen eine kleine Fraktion, die Gott in den Menschen verlegten und versuchten, sein Reich in Form von Kampf um eine Ethik der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen.

Die meisten Kirchgänger aber gingen an den Konsum und das Recht auf persönliches Glück verloren.

Nach den Weltkriegen, die man auch als Folge dieser fundamentalen geistigen Umwälzung sehen kann, wurde dieser persuit of happyness (das Recht auf Glück) immer zentraler. Die Sinnleere und die geistige Orientierungslosigkeit wurde mit Gütern gefüllt, Gütern die keinen geistig oder seelischen Wert hatten und keinen Sinn schaffen konnten. Ohne Sinn kann der Mensch nur in der ständigen Betäubung existieren.

Da wäre für die Kirche ein immenses Feld. Doch die Kirche hat sich – wohl seit Luther schon – immer weiter von den Menschen und ihrer eigenen Quelle entfernt. Wie soll ein ungläubiger Pfarrer den Glauben verkünden.? Wie soll eine Institution, die mit dem Staat und dem Reichtum verbandelt ist, die Seite der Armen, der Menschen auf der Flucht, derer ohne Rechte vertreten? Wie soll ein völlig individualisierter Glaube Gemeinschaft hervorbringen?

Es mangelt an allem.

So treibt der Siegeszug einer mechanistischen Aufklärung, die weder Freiheit noch Bestimmung, oder Schicksal kennt, der Verlass auf eine verinstitutionalisierte Fürsorge, die nicht erkannten Übermacht einer sich immer mehr verselbständigenden Technik  und das Vorgaukeln einer Demokratie, die nur noch im Ansatz einer Demokratie entspricht die Menschen immer mehr in die Lethargie, Agonie und Hoffnungslosigkeit.

Es wäre eine gute Zeit für die Kirche. Die Schnitter hätten ein reiches Feld zur Ernte. Warum schweigen sie? Was bräuchten sie? Welcher Messias wird erwartet, der mit ihrem Geschick das Geschick der Menschheit wendet, oder wenigstens, dasjenige ihrer kleinen und grösseren Gemeinden. Wo wird das Reich Gottes sichtbar, von dem Jesus der Nazarener sprach, dass es mitten unter uns sei?

 

 



Wer ist hier eigentlich behindert?

am August 26, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel,Der Kleine Buddha

Im Sonntagsblick eine schöne Seite Platz zum Reflektieren, ob die Behinderten behindert heissen, weil wir sie behindern?

https://www.blick.ch/people-tv/gastkommentar-behindert-id15471090.html



Neues (und Altes) für alle vom Poppin bis zur Nona

am August 19, 2019 — in der Rubrik: Artikel,Gretta Suna La Trombetta



SO – Kolumne Juli 100 Jahre Lia Rumantscha

am Juli 15, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

die Lia Rumantscha hat Geburtstag
100 Jahre genutzte und verpasste Chancen

Scharanser Zwischenrufe

 Cumplir ils ons / Geburtstag

Linard Bardill

über 100 Jahre genutzte und verpasste Chancen

Cumplir ils ons bedeutet auf romanisch: die Jahre voll machen. Die deutsche Sprache geht zurück an den Tag der Geburt, im Romanischen gehen wir an den Tag der Erfüllung, ins Jetzt.
Die Lia Rumantscha erfüllt dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Sie und die Romanen feiern in Zuoz das Leben und Überleben ihrer Sprache.
Feiern ist immer gut. Es bedeutet Begegnung und Bezug. Davon leben wir Menschen, denn die anthropologische Mutation, der wir in der Moderne ausgesetzt sind, führt dahin, dass Begegnung und Bezugnahme immer weniger selbstverständlich sind.
Den Gedanken der Mutation des Menschen hat der Jahrhundertkünstler Pierre Paolo Pasolini in den 60er Jahren in seinen Freibeuterschriften ausgeführt. Pasolini war Rätoromane. Er wuchs im Friaul auf, wo 600’000 Menschen heute noch das Friulan sprechen, dem Bündner Romanischen verwandt, wie das Ladin der Dolomiten.

Pasolini forderte den Zusammenschluss der Alpengebiete von Wien bis Nizza mit der Hauptstadt Chur und dem Rätoromanischen als Inspirationsquelle. Diese kühne Idee ist nie aufgenommen worden. Schade!

Auf der 100erter Note steht cent francs.

Die Lia Rumantscha half entscheidend mit, dass das Romanische zur Landessprache erklärt wurde. Das Projekt des «Dicziunari Rumantsch Grischun» hat sie angestossen, den Auftrag, eine Schriftsprache für alle Romanen auszuarbeiten, hat sie erteilt. Sie lud zur «Scuntrada» ein, installierte die linguistische Datenbank «Pledari grond», stiess die Tageszeitung «Quotidiana» an.

Da ist viel gemacht worden, das man feiern kann.

Was die Lia und die Bündner Politik neben der über den Kantonsrand hinausschauenden Perspektive allerdings auch verpasst haben, ist, das Territorialprinzip in die Kantonsverfassung zu schreiben. Der Schwund des Romanischen hat viel damit zu tun. Die grosse Mutter Lia hat sich 100 Jahre eingesetzt, ohne den anderen weh zu tun.

Aufgebläht stattdessen wurde ein Apparat der trillinguistischen Korrektheit, die den Menschen oft wenig bringt.

Heute verlagert man das Territorialprinzip in die ganze Schweiz. 1/3 der Romanen leben im Unterland. Die Schweiz als Ganzes sei deshalb als Gebiet der vierten Landessprache anzusehen und Fördermassnahmen müssten diesem Umstand Rechnung tragen, forderte 2018 Johannes Flury, der Präsident der Lia am Jubiläum 80 Jahre Romanisch als Landessprache. Ja, da steckt Voraussicht drin. Was bedeuten 10’000 Rätoromanen in Zürich, wenn sie nicht zusammenkommen?

Dieses supponierte Territorialprinzip müsste auch in Graubünden ins Bewusstsein treten. Unterstützung für die Sprache, dort wo sie gesprochen wird: Bei den Kindern, bei den Chören, am Stammtisch, in den Vereinen, Jugendhäusern, Kultureinrichtungen, den Gemeinden, mit Fantasie und Demut. Die Mehrsprachigkeit, wie sie heute in Form von Übersetzungsschlachten stattfindet – meist für Beamte und Politiker, welche die Texte sowieso in deutsch lesen, ist zu hinterfragen. Die Liebe, die Begeisterung, la cumpagnia, der romanische Alltag der Bevölkerung, sie müssen im Zentrum der kommenden 100 Jahre stehen.  Impressarios vor Ort sollte es geben, die wissen wo der Schuh drückt und die Menschen vor Ort unterstützen.

Feiern wir mit der Lia mit, freuen wir uns über das Erreichte, geben wir uns aber nicht mit dem Erreichten zufrieden. Ils ons as cumpischen uossa! Die Jahre erfüllen sich jetzt!

 



Die Wende, SO Kolumne vom Juni 2019

am Juni 7, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Scharanser Zwischenrufe

 Die Wende

Das Jenseits des Schweinetrogs

«Sexualität egal. Hautfarbe egal. Religion egal. Herkunft egal. Name egal. Mensch ist Mensch.» stand auf dem Zettel. Kein Mensch ist illegal! stand da noch und da musste ich widersprechen. Es gibt sehr wohl illegale Menschen, sie heissen dann aber nicht Menschen, sondern abgewiesene Flüchtlinge. Flüchtling ist ein Wort mit ling am Schluss, wie Wüstling, Rohling oder Widerling, es ist nichts Gutes zu erwarten von ihm. Darum fällt er auch nicht unter das allgemeine Menschenrecht, man hat ein besonderes Recht für ihn geschaffen. Das humanitäre Menschenrecht, ein Schrumpf – Menschenrecht.

«Damit schaffst du dir keine Freunde», sagt meine Frau, nachdem sie den Text überflogen hatte. «Na, was soll ich denn schreiben?» «Sag, sie sollen eine Spendenaktion für den Kanton machen, die geben Hunderttausende Steuergelder aus, um ein paar wenig abgewiesene Menschen am Arbeiten zu hindern?» «Woher weißt du das?» «Von Wanja Gwerder und den Leuten vom Verein Mitenand im Ausreisezentrum in Valzaina».

Also luden wir Gwerder zu einem Podium nach Scharans ein. Mit ihm Anni Lanz, eine langjährige Menschenrechtsaktivistin, die gerade für ihr Verbrechen, einem traumatisierten Afghanen aus Italien die Flucht in die Schweiz ermöglicht zu haben, verurteilt worden ist

«Die reut das jetzt vermutlich», meinte Lanz am letzten Sonntag, als 25 Interessierte im Publikum Platz genommen hatten und ich sie gefragt, was man denn für diese Menschen tun könne, die schon seit 5 Jahren in der Schweiz sind, abgewiesen wurden und aus politischen Gründen nicht in ihr Land zurückreisen können. «So viel Publizität haben diese Menschen, denen die Menschenrechte in der Schweiz verweigert werden, wohl noch nie gehabt.» Jetzt habe sie noch den Paul Grüninger Preis bekommen, lächelte die Dame, die inzwischen weit über siebzig ist und weder Mut noch Kampfeslust verloren hat. Sie werde den Fall bis vor Bundesgericht ziehen.

«Die Lage der abgewiesenen Tibeter ist zum Teil verheerend» meinte Wanja Gwerder. Gerade die Tibeter, die ein wunderbares Beispiel seien, wie Integration gelingen könne. «Nach Tibet können sie nicht, da ihnen die Chinesen die Einreise verweigern, nach Indien können sie nicht, weil sie keinen indischen Pass haben.» Leo Mayer, der in Südamerika für das Heks arbeitet, meinte, in Honduras seien inzwischen 1 Million Venezolaner eingetroffen. «Und wir Schweizer fühlen uns von 15’000 Asylanträgen schon in die Enge getrieben!»

Wer immer an den vollen Schweinetrögen hänge, meinte der Moderator, der verliere den Blick für den Rest der Welt. Worauf wutentbrannt ein bekannter Künstler aufstand und in die «Menge» rief, die Schweiz sei ein Schweineland. Der Reichtum mache alles kaputt, die Seele und die Beziehungen.

Wanja Gwerder schaute in die Runde und meinte, wir könnten uns vielleicht gar nicht vorstellen, wie viel er von der Weltgeschichte und vom Reichtum der Völker, wie viel an Herzenswärme, Liebe und Zuversicht, Überlebensmut und Pfaditrotzallem von diesen Menschen geschenkt bekommen habe.

«Raus aus der Konfortzone!», rief meine Frau und Gwerder nickte:

«Kommt nach Valzaina, ladet einen zu euch ein, oder zwei. Da könnt ihr euer Wunder erleben.»

Ich überlegte, wo denn ich aus meiner Konfortzone heraus gehen könnte, weg vom Trog, dorthin, wo diese Menschen ohne Heimat stehen: in der Hoffnung.