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Vom Sinn und Zweck, Mai-Kolumne

am Mai 13, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Vom Sinn und Zweck, Kolumne

Scharanser Zwischenrufe

Von Sinn und Zweck
Nachruf auf eine vergangene Zeit
Als sie noch lebte erschien jeden Tag eine Hand mit einer kleinen Giesskanne am Fenster. Die Blumen auf dem Fensterbrett schienen «guten Morgen!», zu rufen, »hast du den Tag schon gesehen? Einfach herrlich! Und die blühenden Kirschbäume drüben beim Nachbarn und die Amseln, es ist das reine Glück.»

Da die Wasserspenderin hinter dem Fenster unsichtbar war, wusste ich nicht, ob sie eine Antwort auf das bunten Kindergarten Geplapper der Veilchen, Nelken und Tagetes hatte. Was aber sicher war, jeden Morgen erschien die Hand mit der Giesskanne …
Doch dieses Jahr erscheint weder Hand noch Giesskanne. Blumen gibt es auch keine auf der Fensterbank.
Meine Nachbarin ist nicht mehr. Ich habe das kleine Foto aus der Rubrik «unsere Verstorbenen» geschnitten und es an meinen Computer geklebt. Auf dem Foto lacht sie und der Rüsche Kragen ihrer Bluse sieht auf dem gedruckten schwarz/weiss Bild aus wie ein Perlenkollier.
Ich vermisse ihr Lachen, den kurzen Wortwechsel, wenn sie ins Dorflädeli ging. Manchmal klopfte sie an unserer Haustüre, wenn sie ein Rezept nicht lesen konnte. Ihre Augen waren trüb geworden und sie sah nur noch die Peripherie. Kochen konnte und wollte sie aber trotzdem noch, denn einen Sinn muss der Mensch haben im Leben. Und Kochen ist doch Sinn.

Als die Zeit für die Blumen gekommen wäre, versammelte sich das Dorf und nahm Abschied. Viele waren da und ein Hauch aus der Zeit, als die Menschen mit dem Leben und dem Tod so auf Du und Du waren, wehte durch den Friedhof, die Kirche, das Dorf.

So muss es wohl einmal gewesen sein: Die Menschen bezogen den Sinn ihres Lebens zuerst und vor allem aus dem, was sie waren und was sie taten. Kühe füttern, heuen, melken, metzgen, kochen, Kinder gebären und sie aufziehen. Sie kannten dieses parkiert Sein in einem Beruf, in einem Nutzen, in einem Altersheim weniger als wir, die wir uns einen Sinn geben müssen, damit wir nicht ganz sinnlos unser Leben vor Computern, verläppern,  in Dienstleistungen, in Karrieren, Hierarchien und im Habenwollen -müssen irgendwelcher Dinge, die uns einen Nutzen versprechen, aber im Grunde vollkommen sinnlos sind.

Hölderlin, der deutsche Lyriker, der auch Graubünden besuchte und mit der Ode an den Rhein eine Liebesbotschaft an die Alpen und den Kanton verfasste, schreibt in einer Vorrede, dass alle sehr originell sein wollten, weil sie gerne neu und anders sein wolen. Ihm aber bedeute das Neue nicht viel denn: «…mir ist nichts lieber als was alt ist wie die Welt», das sei eine Originalität, die auf Innigkeit, Tiefe des Herzens und des Geistes ruhe.

Was wir schon hinter uns haben ist die Mutation des menschlichen Geistes und Körpers durch die Technik, was noch vor uns liegt ist die Folge dieser Mutation: Der Verlust der Welt. Einmal physisch durch die Zerstörung unzähliger Lebensformen auf diesem Planeten, und wohl auch der Grundlage unseres eigenen Lebens, andererseits der Verlust unserer Beziehung zu den Dingen, die je beherrschbarer sie geworden sind, nur umso stummer werden.

Die Hand mit der Giesskanne, die den Blumen Lebenselixier und der Giesserin Sinn verschafft, wird mir ein Zeichen bleiben aus einer vergangenen Zeit, in der Sinn nicht gesucht werden musste, weil die Menschen vom Sinn gefunden worden waren. Und wenn ich mir die Sache gut überlege, da war nur eine Giesskanne, die Hand ist in meiner Erinnerung unsichtbar.

 



2 Gedanken zu „Vom Sinn und Zweck, Mai-Kolumne

  1. Grazia Fitg! Das isch uuuh koga schön – aber nit numä das – sondern vor allem auch seeehr wichtig, dass es gseid isch!

  2. ————–textum eigentlich gut———–aber sicher voellig wirkungslos-sofort vergessen- geloescht–!!!–es ist deine FEIGHEIT, NIEMANDEN anzugreifen—was der EINZIGE sinn dieser SO-schreibmoeglichkeit waere………..;…..von HOELD. gibt es keine vorrede zum „RHEIN“ —-alles wirr, was du so in wenigsten worten „abhandelst“—–;——der heutige morgen fuer mich ein DESASTER — = zustand schrans -gr-ch——–nur die ältere frau aus valzeina hat etwas SINN gestiftet…………………………

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