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am September 4, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne 2019

Scharanser Zwischenrufe

sperrige Pfarrer

Linard Bardill über Gott und sein Bodenpersonal

Seit Friederich Nietzsche, Sohn aus evangelischem Pfarrhaus, seinen Text vom tollen Menschen geschrieben hat, der am hell lauteren Tage mit einer Lampe Gott suchte und nicht fand und darum in der Kirche das Requiem aeternum deum (Totenmesse für einen ewigen Gott) anstimmte, hat es insbesondere die protestantische Kirche nicht leicht. Die gebildeten, aufgeklärten Zeitgenossen verlassen und meiden die Gotteshäuser in Scharen, die Rechtgläubigen laufen Alternativen nach und die Pfarrherren ringen in Wort und Form um die Moderne, was sich zuweilen als Unterfangen vor leeren Bänken erweist.
«Wer Theologie studiert, verlässt die Universität als Ungläubiger», hatte mir ein frommer alter Mann prophezeit und er hatte auf seine Art Recht. Ich konnte nach dem Studium nicht mehr so glauben, wie vorher. Die Aufklärung, historisch kritische Bibelexegese, die Philosophie hatten ihre Krallen in den alten Glauben geschlagen und von einem neuen hatte ich im Studium kaum erfahren.

Die Kraft des Evangeliums schien mir aus der Institution und dem Theologieseminar herausgeflossen zu sein, wie das Blut eines sterbenden Kömpfers.

Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts um Evolution, Atheismus, Kommunismus und Materialismus war für die Kirche verloren. Die Pfarrer waren in progressive und rechte gespalten, dazwischen eine kleine Fraktion, die Gott in den Menschen verlegten und versuchten, sein Reich in Form von Kampf um eine Ethik der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen.

Die meisten Kirchgänger aber gingen an den Konsum und das Recht auf persönliches Glück verloren.

Nach den Weltkriegen, die man auch als Folge dieser fundamentalen geistigen Umwälzung sehen kann, wurde dieser persuit of happyness (das Recht auf Glück) immer zentraler. Die Sinnleere und die geistige Orientierungslosigkeit wurde mit Gütern gefüllt, Gütern die keinen geistig oder seelischen Wert hatten und keinen Sinn schaffen konnten. Ohne Sinn kann der Mensch nur in der ständigen Betäubung existieren.

Da wäre für die Kirche ein immenses Feld. Doch die Kirche hat sich – wohl seit Luther schon – immer weiter von den Menschen und ihrer eigenen Quelle entfernt. Wie soll ein ungläubiger Pfarrer den Glauben verkünden.? Wie soll eine Institution, die mit dem Staat und dem Reichtum verbandelt ist, die Seite der Armen, der Menschen auf der Flucht, derer ohne Rechte vertreten? Wie soll ein völlig individualisierter Glaube Gemeinschaft hervorbringen?

Es mangelt an allem.

So treibt der Siegeszug einer mechanistischen Aufklärung, die weder Freiheit noch Bestimmung, oder Schicksal kennt, der Verlass auf eine verinstitutionalisierte Fürsorge, die nicht erkannten Übermacht einer sich immer mehr verselbständigenden Technik  und das Vorgaukeln einer Demokratie, die nur noch im Ansatz einer Demokratie entspricht die Menschen immer mehr in die Lethargie, Agonie und Hoffnungslosigkeit.

Es wäre eine gute Zeit für die Kirche. Die Schnitter hätten ein reiches Feld zur Ernte. Warum schweigen sie? Was bräuchten sie? Welcher Messias wird erwartet, der mit ihrem Geschick das Geschick der Menschheit wendet, oder wenigstens, dasjenige ihrer kleinen und grösseren Gemeinden. Wo wird das Reich Gottes sichtbar, von dem Jesus der Nazarener sprach, dass es mitten unter uns sei?

 

 



2 Gedanken zu „

  1. Lieber Linard,
    was bezweckst du mit dieser pauschalen Schelte? Das tönt gerade so wie mein Vater mit seinen 87 Jahren: Der Staat versagt, die Politiker sind korrupt, die Presse lügt, die Künstler sind Mainstream und die Institution Kirche hat nichts zu sagen! Zugegeben – deine Kolumne kommt geistesgeschichtlich etwas fundierter daher.
    Aber dennoch: So habe ich dich bisher nicht kennengelernt. Ich dachte, du beteiligst dich aktiv und zusammen mit denen, die wie du nach Wegen und Antworten suchen, an der Gestaltung unserer Gesellschaft. Klar, es wäre natürlich fein (und einfach), wenn alle Leute sich wirklich für die Programme der Parteien interessierten und entsprechend wählten, wenn sauber recherchierte Reportagen in der Zeitung mehr Breitenwirkung entfalteten als einfältige Phrasen via Twitter und wenn die engagierten Predigten meiner KolegInnen auf allseits offene Ohren träfen.
    Aber weil’s nun mal – und das hast du ja sehr deutlich dargestellt – leider nicht so ist, hilft pessimistisches Um-sich-hacken am wenigsten weiter, finde ich.
    Denn in allen oben genannten Bereichen sind auch Menschen unterwegs, die hoffen, nachdenken und gestalten. Unter den Künstlern (wie Pippo Pollina oder du), unter den Politikern (zu denen du ja auch fast gehört hättest), unter den Medienmenschen (zu denen ich dich auch zähle und dazu viele Journalisten von Zeitungen, in denen nicht die Großbuchstaben und bunte Bildchen regieren) und ebenso unter den Pfarrern und Pfarrerinnen (zu denen ich gehöre, und du, ob du nun willst oder nicht, auch ein Stück).
    Ja, überall finden sich Menschen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass das Geschick der Menschen gewendet werden kann. Und überall, wo sie handeln, geschieht auch ein Stück Himmel auf Erden.
    Aber zusammenhalten müssen wir. Alle.

  2. Lieber Herr Bardill,
    Ich bin Theologe und ich bin der Meinung, dass Glauben nicht ohne Verstand und Denken möglich ist. Sonst wird es zu einer gefährlichen Dummheit. In der NZZ gab es einen interessanten Kommentar zur desoloten Situation in den Kirchen. Wenn Theologen sich nicht mehr getrauen Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, verlieren sie dann nicht ihre Glaubwürdigkeit. Im Unterricht – und in der Predigt – habe ich immer (und tue es noch) die Meinung vertreten, dass ich „an Gott glaube“, aber über Gott nichts wissen kann, weil die bisherige Quellen nur Erzeugnisse des menschilichen Geistes sind. Dichtung, Interpretation und Rückbindung der Gegenwart in einem grösseren Zusammenhang. In der Bibel finde ich die Aufforderung die Weisung (Tora) zu studieren. Wir können, denke ich, nicht auf den Verstand und das Denken verzichten.
    Ihre Glosse hat mich ein wenig befremdet. Was treuren Sie nach? Einen (in meinen Augen gefährlichen) „blinden“ Glauben, so im Sinne von „du musst nicht denken, sondern glauben…“ Den Spruch des älteren Mannes, den Sie zitieren kenne ich auch. Ich würde sagen, den Glauben verlieren wir eher, wenn wir die Kirchengeschichte und Missionsgeschichte betrachten. Von einer Bibelkritik der sich auf sprachlichen und historischen Quellen ernährt, kann „man“ – denke ich zumindest – doch nur gestärkt werden.
    Letzhin habe ich einige Bücher über das früher Christentum gelesen. Am meistenn hat mir Catherine Nixey, the darkening age (auch auf Deutsch erschienen) betroffen gemacht. Vor allem einen Satz „es gibt keine Sünde für diejenigen die Christus haben“… das ist fast wie eine Rechtfertigung bei den IS-Terroristen. Frühe Chriten – Mönche waren darin stark – verschmähten das Denken und die Philosophie. Man musste nicht studieren, sondern glauben. Genau wie es heute noch immer Gemeinden gibt, die keine studierete PfarrerIn haben möchten, sondern „gläubige“. Wird Glauben dann zum Synonim für Dummheit? Von Hans Conrad Zander werde ich demnächst lesen: „Dummheit ist Sünde“, ein fiktives Gespräch mit Thomas von Aquin.
    Auch die Lebenserinnerungen von Jörgen Zink fand ich schön zum lesen. Er, geprägt von einem südschwäbischen Pietismus, geht doch auch auf Distanz zu allen die „Wissen wie Gott und was Gott ist und denkt und will usw“.
    In den Gottesdiensten habe ich angefangen, am Anfang des Gottesdienstes, ein Geburtstagslied zu singen: „Dass Erde und Himmel dir blühen“. Jede und jeden darf sich von mir aus dabei seine / ihre eigene Vorstellungen machen und nachgehen. Auch bezeichne ich meine Aktivität im Gottesdienst nicht mehr als „Predigt“. Ich mache eine Betrachtung, Gedanken anlässlich eines Textes, eines Anlasses, eines Datums. Natürlich werden einige das als „zu mager“ betrachten (das war mal einen Vorwurf als ich in Flerden Pfarrer war – da ich damals zum zMittag eingeladen war, habe ich darauf geantwortet mit dem Hinweis, dass ich eher lieber eine magere als eine fette Küche habe). Aber, vielleicht ist es im Glauben wie mit dem Geschmack? Es lohnt sich nicht darüber zu streiten. Und – wenn wir an die Entstehung des Bundesstaates denken (bald ist Bettag) – dann lohnt es sich nicht für einen Glauben zu sterben. Fürs Leben sollte man schon eher kämpfen, oder nicht?
    Hier noch den Link vom Artikel in der NZZ:
    https://www.nzz.ch/meinung/die-kirche-und-die-intellektuellen-ld.1473081

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