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Kolumne Was Heinz Brand mit Handke zu tun aht

am Oktober 27, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Was Heinz Brand mit Handke zu tun hat

Linard Bardill*über den Aufschrei nach dem Literaturnobelpreis ///

Handke hat den Nobelpreis bekommen. Alle finden Handke einen grossartigen Schriftsteller. Und gute Literatur altert nicht! Aber politisch? Der hat sich doch für die Serben eingesetzt. Und die Serben sind böse, oder? So stand es wenigstens in den Neunzigerjahren in allen Zeitungen, und wir haben es geglaubt und heute glauben wir, es zu wissen. Die Serben haben Sarajewo bombardiert, und dann musste die Nato den Kosovo retten, da sind und waren sich alle einig, vom Fernsehen bis zu den europäischen Regierungen:

Die Serben sind alles verkappte Kommunisten. Milosevic ein Kriegsverbrecher und musste darum mit Uranmunition zu Boden gebombt werden. Völkerrechtswidrig, wie Gerhard Schröder 2014 zu Protokoll gab, aber gründlich. Vom Balkan hatte eh kaum jemand eine Ahnung, man war froh, die Bösen zu kennen.

Und da kam dieser Handke und setzte sich für die Serben ein, für eine differenziertere Betrachtung des Konflikts. Er schrieb ein Theaterstück, «Die Fahrt im Einbaum», über den Medienkrieg gegen die Geschichte und gegen die Wahrheit. Handke sagte, man könne den Balkan nur verstehen, wenn man seine Geschichte zur Kenntnis nehme. Zum Beispiel 600 Jahre türkische Herrschaft, 700 000 von den kroatischen Faschisten und der SS im Konzentrationslager Jasenovac ermordete Serben. Handke wollte verstehen, statt zu verurteilen, und er wollte versöhnen.

Als Kohl und Genscher und die EWG nach einer Hetzkampagne der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» 1991 Kroatien als unabhängigen Staat anerkannten, brach das serbische Trauma auf. Die Deutschen anerkennen Kroatien. Da war an eine diplomatische Lösung nicht mehr zu denken. Ein bewaffneter Konflikt brach aus, der dann im Kosovokrieg mündete.

Die Amerikaner und Europäer bombten Belgrad und Teile Serbiens – mit verbrecherischem Einsatz von Uranmunition – und stellten Mladic, den Schlächter von Srebrenica, der zweifellos ein Kriegsverbrecher war, und Milosevic vor das Haager Tribunal. Milosevic starb vor seiner Verurteilung. Das Gericht hatte ihm keine Schuld an Kriegsverbrechen nachweisen können.

Handke hielt an Milosevics Grab eine Rede. Die Journalisten schrien auf, wie sie jetzt aufschreien bei der Verleihung des Literaturnobelpreises für einen der letzten intellektuellen Schriftsteller Mitteleuropas und für einen Menschen, der sich als einer der wenigen nicht auf Kriegshetze, sondern auf die Fragilität der Wahrheit und der Geschichte der Menschen in einer zerrissenen Region unseres Kontinents eingesetzt hat.

Was das mit Graubünden zu tun hat? Stellen sie sich vor, Wolfram Frank bekäme von der kantonalen Kulturkommission den Kulturpreis für sein Lebenswerk. Der Aufschrei wäre perfekt: Der hat doch dem damaligen Fremdenpolizeichef – dem heute abgewählten SVP-Nationalrat Brand – das Fenster mit einem Stein eingeworfen! Und der Stadtpräsidentin ein Glas Wein über den Kopf geleert. Alle würden sie zetern und mordioten, weil alle meinen, Frank zu kennen und die Wahrheit und was sich gehört und überhaupt. Keine Angst, es wird nicht passieren. Politik, Verwaltung und Presse haben ihn zum Schweigen gebracht.

Übrigens: Wolfram Frank hat damals mit seinem Buch: «Jelenas Geschichte» nicht ohne Beachtung präziser noch als Handke um Verständnis für Serbien und den Balkan geworben. Gute Literatur altert nicht!

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern.



Ein Gedanke zu „Kolumne Was Heinz Brand mit Handke zu tun aht

  1. fein und danke.
    ich stolpere beim Lesen von Milo starb .. ‚Das Gericht hatte ihm keine Schuld an Kriegsverbrechen nachweisen können.‘
    dieser Herr Milo ist, ich sag mal schlechter Täter.
    .
    für mich bleibt es einfacher, Handke als Schriftsteller und politisch Verrannten halt bis mitte 90er zu lesen, zu schätzen.

    danke für Deinen Hinweis zu Frank ‚Jelenas Geschichte‘.

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