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Kolumne So 19.12 Antigone und Quadroni

am Dezember 21, 2019 — in der Rubrik: Aktuelles,Artikel

Kolumne So 19.12 Antigone und Quadroni

Das Gesetz ist für den Menschen da

Linard Bardill*über das Edle im Menschen

Ein Herrscher tötet den Anstifter eines Aufstandes und erlässt ein Gesetz, dass jeder, der den Mann beerdigt, mit dem Tode bestraft wird. Die Schwester des Aufrührers beerdigt ihren Bruder und wird vom Tyrannen bei lebendigem Leibe eingemauert. Die Geschichte heisst «Antigone». Geschrieben hat sie der Theaterdichter Sophokles, uraufgeführt wurde sie 442 vor Christus in Athen. Sie begründet die abendländische Ethik.

Antigone ist die Schwester des Polynaikes, und sie erachtet das Gesetz ihres Herzens höher als das des Staates. Darum beerdigt sie ihren Bruder und wird dafür von Kreon, dem Vertreter des Staates, mit dem Tod bestraft. Mit diesem Theaterstück wurde die Frage, was der Mensch tun soll, neu gestellt und beantwortet. Der Mensch soll auf sein Herz hören, auf das innere Gesetz, das in ihm schlummert. Antigone steht für das individuelle Gesetz, das über dem Gesetz des Staates steht.

Das Vertrauen des Dichters in den Charakter seiner Heldin ist immens. Und er ist sich sicher, das Publikum ist auf seiner Seite. Denn im Grunde weiss jeder: Im Menschen schläft ein Gesetz, das über der Staatsräson steht. Man nennt es auch Gewissen, der Ort der Ethik, die über dem Staat und sogar über der Religion steht. «Alles Edle ist von stiller Natur und scheint zu schlafen, bis es durch Widerspruch geweckt und herausgefordert wird», sagt Goethe zu Eckermann im Gespräch über «Antigone».

Da gibt es einen Menschen, der plötzlich in einen Widerspruch hineinkommt. Er tut selbst Unrecht, bis er die Rechtfertigung, das Unrecht sei zum Überleben notwendig, als Lüge durchschaut. Was folgt, kann man nachlesen: Er deckt das Unrecht auf, und die Herrschenden rächen sich an ihm. Zwar können die Herrschendendurch juristische Tricks die Beweise einschwärzen lassen. Das Volk (im griechischen Theater: der Chor) aber weiss, wie die Herrschenden sich zusammentun, um die Faktenwahrheit, die Gerechtigkeit und das innere Gesetz dem Spott preiszugeben.

Adam Quadroni wurde von allen Beteiligten, Amtsarzt, Bezirksrichter, Kesb und Polizei, in einem mehr oder weniger orchestrierten Racheakt seines Berufes, seiner Familie und seiner Freiheit beraubt. Wer etwas anderes behauptet, weiss es nicht besser oder er lügt. Aber im Grunde wissen wir es alle. Denn wir wissen, wie Macht funktioniert und wie sich die Reichen und Mächtigen gegen ihre Enttarnung zur Wehr setzen.

Nun hat der demokratische Staat ein System der gegenseitigen Kontrolle erfunden. Dieses hat im vorliegenden Falle ein Stück weit funktioniert. Im Grossen Rat war man zu Recht stolz auf die Ergebnisse der PUK. Doch was die Regierung dann machte, war das reine Prinzip des Tyrannen Kreon. Man stelle sich vor, der zuständige Regierungsrat hätte gesagt: «Als Mensch bedauere ich, was Adam Quadroni geschehen ist. Ich entschuldige mich bei ihm, und ich werde mich dafür einsetzen, dass er Genugtuung erfährt.» Es wäre ein kleiner Satz für einen Menschen gewesen und ein grosser für die Gerechtigkeit. Es wäre wie eine Befreiung gewesen aus der Umklammerung durch die Staatsgewalt, die Erfüllung der Hoffnung, dass Antigone, dass das Gesetz des Herzens, dass ein Hauch von Ethik bis in die Politik vorgedrungen sei.

Linard Bardill ist Liederer und Autor. Er lebt in Scharans und ist Vater von fünf Kindern.



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