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Mail von Alexandra Lutz nach dem 2. Besuch im Kispi in Zürich

am April 12, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Lieber Linard

Ich weiss nicht wie es dir ergangen ist aber ich bin immer noch sprachlos, wie viele Schicksale uns gestern begegnet sind. Es gibt Tage an denen es mich nicht so berührt aber gestern war einer, der mir ganz schön unter die Haut gegangen ist. Ich versuche immer, wenn du singst die Eltern der betroffenen Kinder zu beobachten. Was es da alles zu sehen gibt, wow.
Du selbst hast ja auch einen solchen Schicksalsschlag erlebt, den du jetzt als ein Geschenk angenommen hast. Ich bin nach solchen Erlebnissen immer sehr dankbar, wenn ich meine zwei grossen Buben sehe, die zwar frech sind aber gesund und gefrässig.

Wie war der Ablauf von gestern für dich? Wir waren 3Stunden unterwegs, du hast keine Pause gemacht. Wollen wir es das nächste Mal ähnlich gestalten oder gibt es deinerseits Veränderungswünsche?

Vielen Dank für den schönen Nachmittag

Alexandra

 

Antwort von Linard:

Liebe Alexandra,

Als ich merkte, dass wir zuerst in der Therapiestation singen würden, da war ich ganz verunsichert. So viele grosse Kinder, die doch gar keine Kinder mehr sind. Aber auch keine Erwachsenen. Ein jedes mit seiner grossen, kleinen Geschichte, mit seinem grossen oder sehr grossen Rucksack. Ich hatte mich gar nicht auf Kinder in der Pubertät vorbereitet. War auf kleinere Kinder eingestimmt.  Dann Ronja, die weinte. Und die Lehrerin, die erklärte, dass das Mädchen hingehe zu ihrem Hund, um sich von ihm zu verabschieden. 12 Jahre sei sie mit ihm zusammen gewesen und nun der schwere Gang … Da wusste ich, dass ich übers Sterben und übers Geborenwerden singen und erzählen wollte. Vom Rucksack, den jeder einmal packen muss, um weiter zu ziehen, wie die Vögel im Herbst. Und das Mädchen, das ganz verhärtet schien, als ich fragte, wer denn an ein Sein nach dem Tode glaube. Und die dann langsam aufmachte, von Lied zu Lied. Vor allem als ich vom kleinen Buddha, unserem Kind mit Downsyndrom erzählte. Ja, mit der Zeit haben alle Kinder auf gemacht. Sogar mit gesungen. Bi üs gohts immer je länger je schlimmer. Das gefiel ihnen. Denn in dem Lied wird der Zwang, dass es doch um Gottes Willen gut gehen muss, einfach weggepustet. Ich selbst war nach kurzer Zeit ganz gelöst und als der Junge links mit dem wachen Blcik meinte: “Bitte singend si no eis, ich lose so gern zue”, wusst ich, dass alles gut ist. Auch wenn es vielleicht für jedes einzelne der Kinder noch lange viel Schweres gibt und der Rucksack wegen ein paar Lieder nicht einfach weg ist. Wen ich während der ganzen Darbietung sehr eindrücklich erlebte, waren die Lehrer und Betreuer der Therapiestation. Sie waren ein Teil des Publikums, liessen sich ganz ein und sangen als erste die “Weltereis mit Geiss” lauthals mit, was die Kinder dann wieder aufmachte und sie mittun liess.

Auf den Stationen war es für mich wie das Eintauchen in verschiedene Universen. Jedes Zimmer war eine Galaxie ein Sonnensystem, ein einzelnder Planet. Und ich fühlte mich als Astronaut, der da eingelassen wird und Teil hat an einer Geschichte, an Gefühlen, an Zeit, an Schicksal, an Hoffen und Verzweifeln, an Langeweile und Resignation, Stillstand und Aufbruch.
Das kleine winzig kleine Männlein, das als Frühgeburt wie noch nicht reif für diese erde schien. Aber im Schoss der Pflegerin immer grössere Augen und Hände machte, immer mehr auf die Musik reagierte und am Schluss zwei drei Töne mittat. Es war Herz bewegend. Das Mädchen, das mit schweren Verbrennungen da lag, umgeben von der ganzen Familie. “Willst du wirklich, dass ich singe?”  “em Mammi z’lieb”, antwortet die 14 jährige junge Frau. Kinderlieder sind wohl nicht mehr so ihres. Ich sang ihr “i am riding on a train”, und sie lächelt, so gut sie mit ihrem verbrannten Gesicht lächeln konnte. Ich zeige ihr meine verbrannten Hände mit der transplantierten Haut und erzähle von meiner Zeit in der Verbrennungsstation, als ich mitten in der Nacht ankam und Professor Zellweger mich anschnauzte, dass das aber das erste und letzte Mal sei, da ich ihn mitten in der Nacht aus dem Bett hole. Und wie mir dieser Anschnauzer wieder Mut gemacht hatte. So schlimm konnte es nicht sein, dachte ich damals, sonst würde mich der Doktor sicher nicht anschnauzen. Das Mädchen lächelte noch einmal als ich ihr sagte, heute spiele ich wieder Gitarre und es wird alles gut. Sie spiele Saxofon sagte sie stolz. Musiker unter sich! meinte die Mutter.
Wie viele Begegnungen! ich kann es noch nicht fassen, werde es wohl nie fassen können. Das Kind mit der starken Mutter, das so unendlich schwach und bedürftig dalag. Seine Mutter neben ihm, als ob sie für ihn leben würde. Das Kind das keinen Ton, keine Bewegung nichts von sich gab, doch auf die Frage wie sie hiesse ganz klar ihren Namen aussprach. Das krebskranke Mädchen, das ihren kleinen wild mit Armen und Beinen zappelnden Bruder in die Arme nahm und alle Lieder innig und still in sich aufsog. Leuchtende Augen, wenn wir die Cd verschenkten.
So viel Reichtum an einem Nachmittag kann man bei den Gesunden wohl kaum sammeln.
Ich bin noch immer überwältigt  Gruss Linard



Ein Gedanke zu „Mail von Alexandra Lutz nach dem 2. Besuch im Kispi in Zürich

  1. Lieber Linard, vielen herzlichen Dank für deine kostbare Zeit, die Du mit Deinen Besuchen den Kindern schenkst.
    Ich finde es grossartig, alles gratis und franko! Du schenkst den Kindern viel Freude und Zuversicht und das brauchen die Kinder doch! Sie werden Dir dies nie vergessen und immer dafür dankbar sein.

    Liebe Grüsse Heinz Z.

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