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Besuch im Kinderspital

am Mai 10, 2011 — in der Rubrik: Zauberbett

Liebe Alexandra,

Gestern war es so ganz anders als vor einem Monat. Nicht einfach zu sagen, was. Es ging alles etwas langsamer und etwas schwerer zu und her.

Als wir in der Onkologie ankamen, fuhr uns der kleine Junge auf dem Plastiklastwagen entgegen, hinter sich die Pflegerin mit dem Ständer und den vielen Schläuchen. Als ich anfing zu spielen, klatschte er in die Hände. Vor allem das Lied von Martins Esel tat es ihm an, und er bewegte die Arme, wie ein reifer älterer Herr, der seinen Spass damit ausdrückt, dass er die Arme in die Seite stemmt. Der Schalk und das Schütteln des Kopfes, wie ein kleiner Weiser, hat mich etwas aus dem Konzept gebracht. Was für eine Leichtigkeit bei einem Kind, das es bestimmt nicht leicht hat. Ein Schmetterling, oder sagen wir bei ihm würde das Bild des Maikäfers eher zutreffen. Brrrrrrr. Und schon geht die Fahrt mit dem Lastwagen weiter. Eine Mutter, oder ist es eine Grossmutter? Sie steht die ganze Zeit da mit einem Mädchen, das einen Kopfverband träg, tanzt zum Quaquauqa der Frösche. Wie viel Kraft sie dem Mädchen überträgt, wie viel gute Lebensenergie.

Iris, die uns begleitet und einige Zeit in Istambul gelebt hat, spricht mit der Frau türkisch, was diese sehr freut.

Als wir ins nächste Zimmer kommen, werde ich fast erdrückt von der Schwere. Das Kind, ein kleiner Junge, genau so wie seine Mutter, tief gedrückt und schwer, stumm, das Gesicht versteinert. Ich versuche die Stimmung mit dem Lied von der Sonne und den Strahlen, die sie uns schickt aufzuhellen. Es gelingt mir kaum. Da ist diese unendliche Schwere, Trauer, Resignation. Kind und Mutter scheinen darin eingesponnen wie in einem Cocon. Ich bleibe und singe, drei lange Lieder lang, bis ich ein Lächeln sehen kann. Zuerst bei der Mutter. Dann beim Kind. Im selben Zimmer ein Junge aus Marokko, schwach aber hellwach, schaut er immer wieder seine Mutter an, als ob er von ihr wissen möchte, ob er sich auf die Lieder einlassen, ob er sich freuen darf. Die Mutter scheint zu nicken, kaum wahrnehmbar. Dann schenkt er mir einen Blick, der Freude, Zustimmung, ja so etwas wie Komplizenschaft ausdrücken.

Ach, die Mütter, wie wichtig sie mir erscheinen. Jedes Mal mehr. Wie sehr sie mit ihren Kindern verbunden sind. Als ob ein Teil der Kinder noch in ihnen wäre und sie mit den Kindern gemeinsam gesund werden müssten. Ich spüre, wie wenig sie mit dem Kopf steuern können, und wie dankbar sie für einen hellen Augenblick sind.

Zum Ende das Mädchen auf der Notfallstation, das zur Untersuchung da ist. Sie ist etwas verwirrt und abwesend. Ich denke an meinen kleinen Buddha, den Sohn mit dem Downsyndrom. Das Mädchen hat auch eine Behinderung, ist 12, am Anfang der Pubertät. Sie mag die Lieder. Sie wird immer präsenter, wiegt sich im Takt. Die geschenkte Cd freut sie und als ich gehe legt sie ihre Pingu – Cd in de Player. Jawohl, so geht das!



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